Vergangene Quartalslieder

 





QUARTALSLIED Q4:
Oktober - Dezember 2010 



RG 802 „Ach komm, füll unsre Seelen ganz"



 

1 . Ach komm, füll unsre Seelen ganz, du gnadenreicher Liebesglanz, du
väterlich Erbarmen. Von deiner Glut lass Herz und Mut recht inniglich
erwarmen.


2 . Du willst den Tod des Sünders nicht, du gehst mit uns nicht ins Gericht.
Wie dürften wir denn richten? Lass immer mild des Bruders Bild durch
unser Wort sich lichten.


3 . Das ist der Liebe freundlich Amt, dass sie zurecht bringt, nicht verdammt.
Ach wer steht unbescholten? Und was sind wir, o Gott, vor dir, das wir
verdammen sollten?


4 . Gott, leucht in uns mit deiner Gnad, wenn uns des Nächsten Wort und
Tat bringt Kränkung, Leid und Schmerzen. Lass ganz und rein uns ihm
verzeihn in Wahrheit und von Herzen.
5 . Ach komm, füll unsre Seelen ganz, du gnadenreicher Liebesglanz, du
väterlich Erbarmen. Von deiner Glut lass Herz und Mut recht inniglich
erwarmen.

Die romantisierende, schwelgerische Sprache des Liedtextes mag einem
vielleicht zunächst fremd und unzeitgemäss vorkommen, doch der Geist den
dieser Text atmet, scheint mir zeitlos „evangelisch“: eine frohe Botschaft –
Zuspruch und Anspruch zugleich.


In der Epoche der Romantik lebte der Lieddichter Viktor Friedrich Strauss
tatsächlich (später geadelt und zusätzlich mit den Namen seiner Frau
geschmückt: Viktor Friedrich von Strauss und Torney, 1809 – 1899). Er war
ein offenbar multibegabter und -gebildeter Mensch: fürstlicher Geheimrat
(Minister), Dr. der Theologie, (Lied-)Dichter, Religionshistoriker , Übersetzer.
So übertrug er als Erster das Tao Te King aus dem Chinesischen ins Deutsche
(2004 erschien bei Manesse die 11.(!) Auflage).


Von grosser innerlicher Weite und Wärme zeugt für mich auch auf
beeindruckende Weise der Text dieses Liedes: Lebte von Strauss und
Torney doch in Zeiten aufkommender Nationalstaaten, die in kriegerischen
Nationalismus mündete und in Zeiten der Unterdrückung aufkeimender
demokratischer Bewegungen. Wie wohltuend da sein mutmachender Appell,
eigentlich ein Gebet, eine Bitte: Gott, Du willst für uns nicht das todbringende
Gericht! Deine Liebe bringt zurecht, sie verdammt nicht (Gericht Gottes ist
Gerechtsprechung nicht Verurteilung und unterscheidet sich ganz wesentlich
von (v.a. damaligen) menschlichen Richtern)! Erfüll uns mit dieser Zusage,
mit diesem deinem Geist, damit wir spüren, wo wir (vielleicht vorschnell)
richten und urteilen (vgl. Mt 7,1ff). In der Gewissheit um Gottes Liebe
und „väterlich Erbarmen“ steht es uns nicht zu, „dass wir verdammen sollten“!


Aus Strophe 3 meine ich geradezu den leidgeprüften Amtsträger und Politiker herauszuhören, wenn er von Kränkung, Leid und Schmerzen spricht, die uns
des Nächsten Wort und Tat bereiten können. Doch im Verzeihen liegt die Kraft, und von Strauss und Torney ist sich bewusst, dass genau dieses Verzeihen uns oft genug nicht so ohne weiteres gelingt. Aber, wir können darum bitten - immer wieder neu. Darum wohl endet das Lied mit der Wiederholung der Anfangsstrophe: „Ach komm, füll unsre Seelen ganz, … Von deiner Glut lass (unser) Herz und Mut recht inniglich erwarmen!“


Pfr. Thomas Ruf, Almens



QUARTALSLIED Q2:

April - Juni 2010

 


RG 478 „Jesus, meine Zuversicht"


    

1. Jesus, meine Zuversicht

und mein Heiland, ist mein Leben.

Dieses weiß ich; sollt ich nicht

darum mich zufrieden geben,

was die lange Todesnacht

mir auch für Gedanken macht?

 

2. Jesus, er mein Heiland, lebt:

Ich werd’ auch das Leben schauen,

sein, wo mein Erlöser schwebt;

Warum sollte mir denn grauen?

Lässet auch ein Haupt sein Glied,

welches es nicht nach sich zieht?

 

3. Was hier kranket, seufzt und fleht,

wird dort frisch und herrlich gehen;

irdisch werd’ ich ausgesät,

himmlisch werd’ ich auferstehen.

Alle Schwachheit, Angst und Pein

wird von mir genommen sein.

 

4. Seid getrost und hocherfreut:

Jesus trägt euch, seine Glieder.

Gebt nicht statt der Traurigkeit:
Sterbt ihr, Christus ruft euch wieder,

wenn einst die Posaun erklingt,

die auch durch die Gräber dringt.

 

5. Nur dass ihr den Geist erhebt

von den Lüsten dieser Erden

und euch dem schon jetzt ergebt,

dem ihr beigefügt wollt werden.

Schickt das Herze da hinein,

wo ihr ewig wünscht zu sein.

 


Eine Frau von innerer Frömmigkeit und scharfem Verstande

 

Der Name des Dichters Otto von Schwerin ist mit einem Fragezeichen versehen, denn das Lied wird bisweilen der niederländischen Louise Henriette Prinzessin von Nassau-Oranien Kurfürstin von Brandenburg (1627-1667) zugeschrieben. Warum sollte das Lied auch nicht aus ihrer Feder stammen? Viele Frauen widmeten sich in der damaligen Zeit der christlichen Lyrik. Und: Sie war eine der bedeutendsten Frauen der Berliner Geschichte.

 

Leopold von Olich, Schriftsteller und preußischer Geschichtsschreiber, hatte sie aber nur als Quelle der Inspiration genannt, während der Mann, der am Hofe des Großen Kurfürsten von Brandenburg Hofmeister war, als eigentlicher Dichter hervortritt: „Diese herrlichen Lieder verdanken ihre Entstehung der tiefen religiösen Gesinnung der Kurstürstin Louise; es sind ihre Gesinnungen und Empfindungen, welche sie treffend auch nur der geistreichen, nicht minder fromm lebende Minister wiedergeben konnte.“ Dass nur er Worte zu finden vermag, während sie eine Frau des Gefühls ist, der die Worte fehlen, ist wenig glaubhaft und wirkt einseitig. Man kann annehmen, dass beide miteinander gesprochen und also je ihren Beitrag dazu geleistet haben, dass es zu diesem Lied kommen konnte. Sie war es auch, die enge Kontakte zu Johann Crüger pflegte, dem bedeutenden Berliner Verfasser geistlicher Lieder, der auch die Melodie zu diesem Text komponiert hat.

 

Richard George schrieb 1899 über Louise Henriette: „Eine Frau von innerer Frömmigkeit, wahrer Herzensgüte, echt weiblicher Sanftmut und scharfem Verstande. Ihr Rat war dem Kurfürsten bald unentbehrlich in allen Regierungsangelegenheit...“ Diese Frau mit dem scharfen Verstand hatte sehr wohl Worte, war intelligent und so klug, dass sie sogar als Beraterin angesehen wurde.

 

Auch ihre zielgerichtete Wirtschaftspolitik auf dem umfangreichen Landbesitz, den sie von ihrem Mann geschenkt bekam, führte zu derart guten Erfolgen, dass der Kurfürst ihr weitere Dörfer und Güter zur Bewirtschaftung übergab. Sie hatte nämlich noch Dörfer und Schenken hinzugekauft, warb niederländische Siedler an – vor allem Bauern, Gärtner und Handwerker - und etablierte Oranienburg mit Schäferei, Brauerei, Ziegelei und Molkenwirtschaft als eine Musterwirtschaft für die gesamte Mark.

 

Sie wird als „eine pragmatisch denkende und handelnde politische Beraterin“ [1] eingeschätzt. „Mit großem Engagement setzte sie sich für die Aussöhnung mit Polen ein und beeinflusste durch ihren Briefwechsel mit der polnischen Königin Luisa Maria den Koalitionswechsel Brandenburgs im Nordischen Krieg zugunsten Polens und damit die Anerkennung der Souveränität der Kurfürsten von Brandenburg über das Herzogtum Preußen. Wenige Fürstinnen ist soviel Einflussnahme gestattet worden.“[2]

 

Louise Henriette heiratete mit 19 Jahren den Großen Kurfürsten von Brandenburg, Friedrich Wilhelm. Sie erlitt mehrere Fehlgeburten, gebar sechs Kinder, von denen aber nur drei Söhne die Mutter überlebten und nur ein einziger den Vater, nämlich Friedrich, der spätere erste König von Preußen.

 

Das Trostlied ist also in einem Trauerhaus entstanden, als im Sommer 1649 ihr erstes Kind starb, kaum dass es sprechen konnte. Da war Louise Henriette 22 Jahre alt.

 

Als Oranierin wurde sie im reformierten Glauben erzogen. Ein Zeitgenosse schrieb über sie: „Sie ist nicht nur einer der höchsten Zierden der Frauenwelt und des Fürstenthrones gewesen, sondern sie hat auch mit den köstlichsten geistlichen Liedern ihre heißgeliebte reformierte Kirche, wie die Evangelischen überhaupt, beschenkt.“

 

Fünf Jahre nach dem Tod ihres ersten Kindes gebar sie einen weiteren Sohn. Diesen Tag wurde von ihr zeit ihres Lebens als Fest- und Bettag begangen. Aus Dankbarkeit über das neue Leben stiftete sie 1665 das Oranienburger Waisenhaus in Berlin, in dem 24 Kindern Obdach fanden. Ihr soziales Engagement wurde von Richard George gepriesen: „Unermüdlich wirkte Luise Henriette überall, wo es galt, die Not zu lindern und die Wunden zu heilen, die der Krieg dem Lande geschlagen. Im besonderen Maße ist ihre Thätigkeit dem Städtchen Bötzow zugute gekommen, das ihr zu Ehren den Namen Oranienburg erhielt und in dem das Andenken Luise Henriettes bis auf den heutigen Tag als ein gesegnetes fortlebt.“[3] 1667 starb sie an Schwindsucht (Tuberkulose) und wurde im Berliner Dom bestattet.

 

Otto Freiherr von Schwerin (1616-1679), der Hofmeister der Kurfürstin war vom lutherischen Bekenntnis zum reformierten Glauben konvertiert und dichtete ebenfalls. Im Gesangbuch wird er als möglicher Autor angegeben - oder als Übersetzer. Er war Jurist, Propst, Erzkämmerer, Hofmeister, Geheimer Rat, Seelsorger der Kurfürstin und Berater des Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Als Pädagoge und Erzieher der preußischen Prinzen hatte er mit seinen Zöglingen nicht nur die Bibel zu lesen und mit ihnen Gebete zu verrichten, sondern auch (Genfer) Psalmen und geistliche Lieder zu singen. Er sorgte dafür, dass die ersten Hugenotten in Brandenburg 1666 Bleibenrecht erhielten. Auf seinen Gütern in Berlin durften sich reformierte Gemeinden gründen. Er wirkte am Zustandekommen des Westfälischen Friedens von 1648 mit, mit dem der Dreißigjährigen Krieg endete.

 


Besinnung zum Liedtext

 

Todesnächte sind lang, allzu lang. Das wird nicht verschwiegen. Grübelnd, schlaflos, zerrissen und zerschlagen liegt da jemand des Nachts. Und trotzdem scheint dort Zuversicht auf. Sie hat einen Namen: Jesus – ein Licht mitten in solcher endlosen Todesnacht. Bei Louise Henrietta hatte diese Schwermut und Trauer einen konkreten Anlass: Ihr Kind starb. Alle Hoffnung schien erloschen. Einziger Halt fand sie in ihrem evangelischen Glauben. Dies hat sie mit ihrem Vertrauten, Otto Freiherr von Schwerin geteilt. Ihr Schicksal, ihre Lebenserfahrung, ihre durchlittene Krise macht den Text stark. Frömmigkeit bekommt Bodenhaftung.

 

Warum sollte mir denn grauen? Graut einem nicht, wenn man sich Krankheit, Leid und Tod eines Kindes vorstellt, gar miterleben muss? Ein theologischer Gedanke wird hier furchtbar gemacht: Jesus, Kind in der Krippe, Mann am Kreuz, wird zum Leidenden und Sterblichen, der den Tod überwindet. Wenn seine Gottesnähe und Liebe stärker ist als der Tod, dann ist es möglich, dass der Tod ein einziges Mal seine absolute Macht eingebüßt hat. Und dann ist die Macht des Todes nicht mehr absolut. Dann ist der Tod besiegbar. Und wenn der Tod überwindbar ist, dann wird Christus alle, die an ihn glauben, nach sich ziehen. Auferstehung ist möglich.

 

„Gebt nicht statt der Traurigkeit.“ Stattgeben – das ist Juristensprache. Ein Richter sagt: „Stattgegeben!“, wenn er einen Einwand gewähren lässt oder einem Widerspruch zustimmt.


Stattgeben heißt soviel wie: bewilligen, einräumen, erlauben, genehmigen, gestatten, gewähren, zustimmen.


Gebt der Traurigkeit nicht statt. Das ist eine ermutigende Aufforderung. Es ist ein Aufruf zum Widerstand gegen den Tod. Seit Ostern erteilen wir dem Tod eine Absage. Wir willigen nicht ein, dass er das Leben dominiert. Wir räumen ihm keine Macht ein. Wir erlauben ihm nicht, sich unserer zu bemächtigen. Wir weisen die Trauer in ihre Schranken.

Ostern ist Widerstand gegen den Tod. Wir geben der Traurigkeit nicht statt. Sondern dem Leben. 



Pfrn. Astrid Wuttge Glang




 

[1] Komander, Gerhild H. M., Louise Henriette Prinzessin von Nassau-Oranien, Kurfürstin von Brandenburg, 2003.

[2] Ebd.

[3] George, Richard, Die ersten Regierungsjahres des Großen Kurfürsten. In: Ders., (Hrsg.), Hie gut Brandenburg alleweg!, Verlag von W. Pauli’s Nachf., Berlin 1900, s. 378. 






 

QUARTALSLIED Q1:
Januar - März 2010



RG 554 „Der du die Zeit in Händen hast"


 

 



Vom Sorgen zum Segen

 

Das Gedicht von Jochen Klepper verkündet den Weg von des „Jahres Last“ zum Segen. Dieses gesungene Gebet, spricht Gott als Gegenüber direkt mit „DU“ an. Gott ist direkter Gesprächspartner. Er, das grosse DU, kann etwas, was niemand sonst kann: „Die Zeit in Händen halten“. Uns Menschen zerrinnt diese Zeit und zerfliesst wie Wasser, das wir versuchen in unseren Handschalen aufzufangen. Gott ist uns vorgestellt als derjenige, der Herr der Zeit ist und bei dem die Zeit wie in einem Gefäss aufgehoben ist. Ist bei Gott die Zeit geborgen, so sind auch wir, die wir in dem Zeitfluss dahin fliessen, bei Gott geborgen. Unser ganzes Leben mit all seiner Bitterkeit erfährt bei Gott seine Wandlung, wie ein dissonanter Akkord, der sich am Ende doch noch wohltuend auflöst.

 

So, wie wir unsere Zeit nicht aufhalten können, so können wir auch nicht die Dissonanzen unseres Lebens selbst auflösen. Dort wo sich unsere Lebensmelodie in unerträglichen Tiefen verstrickt hat, wo Leid und Trauer, Angst und Ohnmacht sich breitgemacht haben, ist allein derjenige in der Lage alles doch noch zu einem harmonisch Ganzen zu fügen, der überhaupt für unser Dasein, für unsere Zeit steht: Unser Schöpfer, der in Jesus Christus uns nicht nur dem selbstlaufenden Schöpfungsgang überlassen hat, sondern uns in ihm durch seine Erlösung, auch wieder in die Harmonie Gottes hinein holt.

 

Jochen Klepper, der mit seiner Familie im Laufe der Jahre von 1931 bis 1942 immer mehr den Druck und die Repressalien des Nazi-Regimes erfahren hat, für den die Luft zum Atmen durch Berufsverbot, drohender Verhaftung und Deportation in ein Konzentrationslager, weil er mit einer jüdischen Frau verheiratet war, immer dünner wurde, ging am 10. Dezember 1942 nach einer Unterredung im Reichssicherheitshauptamt mit Adolf Eichmann mit seiner Frau, ihrer Tochter und sich in den Freitod. Da war kein Raum, da war kein Platz mehr da zum Leben. Auch wenn er selbst den Tag verkürzte, so doch voll und ganz im Vertrauen das selbst der tiefste Fall uns nicht aus den Händen Gottes treiben kann. So heisst die letzte Strophe des Gedichtes, anders, als es in unserem Gesangbuch abgedruckt ist:

„Lass – sind die Tage auch verkürzt,

wie ein Stein in Tiefen stürzt –

uns dir nur nicht entgleiten.“

 

Es klingt ein grosser Trost zu uns herüber – für Sterbende, ebenso wie für diejenigen die an Totenbetten stehen, oder Gräber besuchen, oder die selbst in Ohnmacht, Angst und Einsamkeit zu Beginn eines Neuen Jahres stehen - von dem, der für sich selbst keinen Ausweg sah, der aber bis zuletzt an der Hoffnung festhielt, die er aus dem Glauben an die Auferstehung Christi schöpfte:


„Der du alllein der Ew’ge heisst

und Anfang, Ziel und Mitte weißt

im Fluge unserer Zeiten:

bleibst du uns gnädig zugewandt

und führe uns an deiner Hand,

damit wir sicher schreiten.“



Pfrn. Astrid Wuttge Glang und Pfr. Jörg M. Wuttge





 

MONATSLIED DEZEMBER



RG 374 „Vor den Türen deiner Welt"





Es läutet. Sie öffnen die Tür. Draussen steht ein Bettler. Für viele von uns keine angenehme Vorstellung. Besonders wenn der Fremde ausländische Gesichtszüge trägt. Manchmal geben wir etwas, damit er wieder geht. Wenn er aber noch Kost und Logis wünscht, dann hört er schnell einmal: „Kein Platz! Sorry!“


„Kein Platz! Suchen Sie eine andere Herberge!“ so hat es allerdings auch in Bethlehem geheissen. Und Christus wurde draussen geboren, vor den Toren der Stadt. Sorry!


Nochmals von vorn: Es klopft an der Tür. Sie öffnen. Draussen steht ein Bettler. Und dieser Bettler ist – Christus. Er klopft bei uns an und will nicht, dass wir etwas geben. Er hofft auf offene Menschen, die sich seinem Kommen nicht verschliessen. Sonst bleibt er draussen. Draussen vor der Tür. Draussen vor der Tür seiner Welt. Lassen wir Christus im Regen stehen, weil er nicht als König kommt? Oder nehmen wir ihn auf?


Vor diese Frage stellt uns das neue Monatslied. Und es ist kein Zufall, dass Arno Pötzsch seinen Text gedichtet hat zur Melodie von „Jesu, deine Passion will ich jetzt bedenken“. Damit spannt er den Bogen vom Advent zur Passion. Denn die Ankunft Gottes in der Welt geschieht unscheinbar. Dieser Weg zu uns ist seine Passion:

 

Vor den Türen deiner Welt

stehst du allerzeiten,

Gott und Gast, dem wir bestellt,

Herberg zu bereiten.

König aller Herrlichkeit,

kommst du hergeschritten

und sprichst doch im Bettlerkleid

eines Pilgrims Bitten.

 

Stehst du nun vor unsrer Tür,

König, heilandsmilde,

das Verschlossne zwing und rühr

durch dein heilig Bilde.

Lass uns dich nicht draussen stehn,

warten nicht vergebens.

Eile bei uns einzugehn,

komm, du Herr des Lebens.

 


Eine gesegnete Adventszeit wünscht Ihnen Pfr. Josias Burger

 

MONATSLIED NOVEMBER


RG 751 „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig, ist der Menschen Leben"



So ziemlich das genaue Gegenteil zu einem seichten Schunkel-Liedchen, nach dem Motto: Leben, wie bist Du so schön, es möchte ewig so weitergehn’ ... haben wir da vor uns:


Acht (!) Strophen lang wird in wunderschönen Sprachbildern die harte Realität der Vorläufigkeit und Vergänglichkeit alles menschlichen und irdischen Lebens und Strebens besungen. Gebetsmühlenartig beginnen alle Verse mit: „Ach wie nichtig, ach wie flüchtig … und erinnern damit stark an das alttestamentlich – weisheitliche Predigerbuch (Kohelet): „Alles ist eitel“, heisst es da immer wieder. „Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind.“ (Koh. 1, 14)


„Alles hat seine Zeit …“ wird zum Leitwort im dritten Kapitel des oben genannten biblischen Buches, genau so verhält es sich mit unserem Lied, das unter der Rubrik: „Im Angesicht des Todes“ im reformierten Gesangbuch zu finden ist. Am Ende des Kirchenjahres, Toten- oder Ewigkeitssonntag, da hat dieser Choral „seine Zeit“.


Vergänglichkeit, Endlichkeit reflektieren und meditieren, damit wollen viele Menschen sich nicht wirklich beschäftigen und davon hören – im Gegenteil: schon immer wurde und wird manches versucht, diese Tatsachen im Leben zu verdrängen oder gar dagegen anzugehen. „Jugendlichkeit im Alter ist möglich“ wird uns suggeriert, wenn in einem TV-Werbefilmchen ein knackiger Mitsiebziger mit strahlend makellosem Gebiss uns vom Dreimeterbrett anlächelt und elegant ins kühle Nass hechtet.  Alterserscheinungen, Schwächen, langsames Loslassen früherer Möglichkeiten, Schmerzen – nein Danke: Alles eine Frage von Diäten, Bio-Balance, Fitness- und Anti-Aging-Training und, und, und … oder allenfalls das (Schönheits-) Chirurgen.


Ganz anders unser Liedtext -  Unbequem, ungeschönt, ehrlich:


„Unser Leben entstehet und vergehet wie ein Nebel“ (1); „unsere Tage verrinnen wie ein Strom, der nicht innehält zu fliessen“ (2); „alles ist flüchtig, Licht und Dunkel auch unser Glück (3); „jede menschliche und irdische Schönheit vergeht“ (4); alle weltlichen Schätze, alles Sich-Wichtig-Machen und Scheinen ist nichts als vorläufig und in absehbarer Zeit völlig unbedeutend und dem Vergessen anheim gegeben (5 + 6).


Alles hat eben seine Zeit, auch das Bedenken und Besingen eigener Endlichkeit kann notwendig, hilfreich, ja heilsam sein: Auf dass wir lernen, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden, unser Sein und Miteinander, unsere Möglichkeiten als kostbares Geschenk zu begreifen und im Leben und Sterben auf das Letztgültige setzen. Michael Franck, Text- und Melodiedichter unseres Chorales, kennt und nennt ganz zuletzt das „Lebens-Mittel“, den „Mittler des Lebens“: „Alles, alles, was wir sehen, das muss fallen und vergehen. Wer Gott fürcht’, wird ewig stehen.“

 


Herzlich grüsst, Pfr.Thomas Ruf, Almens

 


MONATSLIED OKTOBER


RG 535 „Meinem Gott gehört die Welt"





1. Meinem Gott gehört die Welt,

meinem Gott das Himmelszelt;

ihm gehört der Raum, die Zeit,

sein ist auch die Ewigkeit.

 

2. Und sein Eigen bin auch ich.

Gottes Hände halten mich

gleich dem Sternlein in der Bahn;

keins fällt je aus Gottes Plan.

 

3. Wo ich bin, hält Gott die Wacht,

führt und schirmt mich Tag und Nacht;

über Bitten und Verstehn

muss sein Wille mir geschehn.

 

4. Täglich gibt er mir das Brot,

täglich hilft er in der Not,

täglich schenkt er seine Huld

und vergibt mir meine Schuld.

 

5. Lieber Gott, du bist so gross,

und ich lieg in deinem Schoss

wie im Mutterschoss ein Kind;

Liebe deckt und birgt mich lind.

 

6. Leb ich, Gott, bist du bei mir,

sterb ich, bleib ich auch bei dir:

Und im Leben und im Tod

Bin ich dein, du lieber Gott.

 


Was da wie eine Kinderweise daherkommt, ist durchaus weise und nicht naiv. Gerade uns Theologen fällt es oft schwer, leichtverständlich – wenn auch nicht leichtsinnig – über die grossen Themen des Glaubens zu sprechen. Über Vorsehung und Freiheit, über Schuld und Vergebung, über Leben und Tod. Arno Pötzsch, ebenfalls Theologe, gelingt dies. Er wählt allerdings keinen theoretischen Zugang, sondern einen erfrischend praktischen, einen erfahrungsbetonten. Sein Ausgangspunkt heisst Gottvertrauen.


Dabei zeigt sein Zugang durchaus Kontur und Kanten. „Meinem Gott gehört die Welt“ – ein solcher Satz mag banal klingen, aber er ist es nicht. Ich erinnere mich an Pfarrer Ernst Sieber. Als er die erste Baracke für sein Obdachlosen-Dörfli aufstellen wollte, kam jemand von den Behörden. „Haben sie überhaupt eine Bewilligung? Dieses Land gehört doch nicht ihnen.“ „Nein, es gehört dem Herrgott“, antwortete Sieber schlagfertig „und der hat ein Herz für diese armen Kerle.“


„Meinem Gott gehört die Welt“. Dieses Lied ist von der ersten bis zur letzten Zeile erfüllt von kindlichem Gottvertrauen und will es wecken. Doch was da ganz harmlos wirkt, kann zu beherztem Handeln führen.


Natürlich eignet sich dieses Lied mit seiner einfachen Sprache und seinen einprägsamen Bildern gerade auch für Kinder. Meine mittlere Tochter wünschte es sich jeweils vor dem Einschlafen. Besonders gut gefiel ihr die fünfte Strofe. „Liebe deckt und birgt mich lind“. Wir haben manches Mal über diese Liebe nachgedacht. Wie sie denn deckt und birgt und erst noch lind. Aber ebenso wichtig ist es wohl, seine Tochter in den Arm zu nehmen, damit diese Liebe auch spürbar wird. Und das gilt nicht nur für Kinder. Ja, was da wie eine Kinderweise daherkommt, ist durchaus weise und nicht naiv.

 

Einen erfüllten Herbst wünscht Ihnen Pfr. Josias Burger



 

MONATSLIED SEPTEMBER



RG 834 „Für die Heilung aller Völker bitten wir"






Für die Heilung aller Völker bitten wir mit einem Mund
um gerechtes, gleiches Teilen auf dem gleichen Erdenrund.
Hilf, dass wir in tät’ger Liebe wuchern mit dem eignen Pfund.



Führe du uns in die Freiheit, mach uns von Verzweiflung frei,
dass erlöst von Hass und Kriegen Friede mit uns allen sei.
Zeig uns, wie durch Hilf und Güte Angst stirbt, Hoffnung wächst herbei.



Alles, was das Leben tötet, stelle unter deinen Bann:
Stolz auf Stellung, Farbe, Klasse, Lehren gegen deinen Plan.
Noch im Kampf für das, was recht ist, sehn wir Leben heilig an.



Schöpfer, du schreibst deinen Namen tief ins Buch der Menschheit ein:
Lass in uns dein Bildnis wachsen, hilf uns, Christus näher sein,
dass durch unsres Lebens Antwort Erde glänzt in deinem Schein.



 Deutsche Übertragung von Dieter Trautwein aus dem beliebten Kirchenlied
„For the healing of the nations“ von Fred Kaan.


Dieses Lied wurde im Jahr 2001 an der offiziellen Eröffnungsfeier der Dekade zur Überwindung der Gewalt des ökumenischen Rates der Kirchen gesungen. Die Dekade appeliert an alle Menschen, sich mit zerstörerischer Gewalt nicht länger abzufinden, mutig zu fragen, in wie weit das eigenen Reden und handeln Gewaltpotentiele fördert; gemeinsam in Gemeinden und Bewegungen ein Zeichen zu setzen für ein gewaltfreies Miteinander; Methoden und Wege zu erproben, Konflikte gewaltfrei zu lösen; sich aktiv für Frieden, interkulturellen Dialog und Völkerverständigung einzusetzen. Zehn Jahre lang war das Augenmerk der Kampagnen des SEK, vom HECKS und BfA auf die Mechanismen der Gewalt gerichtet und hat Christen und Christinnen Strategien gegen die Gewalt aufgezeigt. In den Kirchgemeinden setzen sich Menschen am ganz konkreten Ort ein für weniger Gewalt im Umgang untereinander und gegenüber jenen Menschen, die in wirtschaftlich ärmern Länder unsere Konsumgüter herstellen.  Gewaltlosigkeit und Frieden, soziale und rassische Gerechtigkeit wachsen nicht von alleine, sondern müssen gehegt und gepflegt werden in geduldiger Arbeit. Es dauert oft lange, bis der Boden bereitet ist für ein konstruktives Miteinander. Doch wo der Keim aufgeht, da erwächst den Mühen eine neue Freude und neues Leben für Viele. Darum wird auch das Einstehen für weniger Gewalt rund um den Globus im Jahr 2010 nicht zu Ende sein.

Pfarrerin Gisella Belleri, Feldis

 

MONATSLIED AUGUST



RG 60 „Nun lob, mein Seel, den Herren"




 

Das Lied „Nun lob mein Seel, den Herren“ von Johann Gramann, dass wirunter der Liednummer 60 im Reformierten Gesangbuch finden, stellt einen textlichen Auszug des bekannten Liedes unter der Nummer RG Nummer 59 dar und war „das erste Loblied der evangelischen Kirche“(F.W.Bautz). Gramann dichtete es im Auftrag des Herzogs Albrecht nach dem Psalm 103. Es erschien anonym in Johann Kugelmanns  »Concentus novi trium vocum«, Augsburg 1540, mit seinem Namen zuerst in der Rigischen Kirchenordnung »Eyn korte Ordnung«, Lübeck 1548.

 

Seine Bedeutung erreichte dieses Lied im Zusammenhang von Krieg und Schuld des Menschen. „Als der Westfälische Friede in der Frühe des 25. Oktober 1648 von der Treppe des Rathauses zu Osnabrück bekanntgegeben wurde - am Abend zuvor war er in Münster verkündet worden - , stimmte das auf dem Marktplatz versammelte Volk ein in den vom Turmumgang der Marienkirche geblasenen Choral: "Nun lob, mein Seel, den Herren." Es greift in seinem Bezug auf Psalm 103 weit über das deutsche Verständnis von Frieden hinaus. Der biblische Begriff des Shalom (Friede) meint ein umfassendes Wohlergehen, einen Zustand der Ordnung im Verhältnis zwischen Menschen ebenso wie im Verhältnis von Mensch und Natur. Diese „Welt-Ordnung", die den „Welt-Frieden" zeitigt, gründet letztendlich nach biblischem Verständnis in Gott. Die Menschen sind jedoch aufgefordert, dieser Gottesherrschaft durch ihr Verhaltenfür den Frieden der Welt zum Durchbruch zu verhelfen. Notwendiger Bestandteil des Shalom ist der Gedankengang der Befreiung von eigener Schuld, die letztendlich wiederum allein in Gott begründet liegt.

 

Rolf Schweizer, einer der Wegbereiter des neuen geistlichen Liedes, komponierte unter Rückgriff auf die ersten beiden Text- sowie die erste Melodiezeile der traditionellen Vorlage von 1540 einen vierstimmigen Kanon. Diese „Kurzform“ beinhaltet jedoch die gesamte Theologie Gramanns: In unseren sichtbaren Weltläufen wird SEIN Name sichtbar. Vergesst dies nicht!

 

Gott loben bedeutet, ihn in der Gegenwart von Natur, Schönheit, Geschichte und somit auch in der Gegenwart von Versuchung und Schuld sowie in der Frage nach Erlösung wahrzunehmen. Gottvergessen können wir nicht loben.

 

Pfr. Jörg M. Wuttge

 

 



 

MONATSLIED JULI



RG 527 „Herr, Dich loben die Geschöpfe"




 

1. Herr, dich loben die Geschöpfe,
dich, Gott, loben Raum und Zeit.
Sieh, die edle Schwester Sonne
lobt mit ihrer Herrlichkeit,
diesem Abbild deines Lichts –
alle Schöpfung lobt den Herrn.

 

2. Lob auch bringen die Gestirne,
Bruder Mond, der Freund der Nacht.
Schau, wie Bruder Wind behände
Lobgesang aus Wolken macht,
tausendfaches Himmelslied –
alle Schöpfung lobt den Herrn.

 

3. Und die schöne Schwester Wasser
lobt mit Regen, Strom und Quell.
Stark ist unser Bruder Feuer,
macht das Haus uns warm und hell,
preist dich, Gott mit seinem Glanz –
alle Schöpfung lobt den Herrn.

 

4. Unsre Schwester, Mutter Erde,
die uns trägt und die uns nährt,
die mit Kräutern, Blumen Früchten,
Schöpfer, dich ohn Ende ehrt,
feiernd deiner Wunder Werk –
alle Schöpfung lobt den Herrn.

 

5. Lob dir von den Friedensstiftern,
die ertragen Schimpf und Not.
Lob sei, Gott, dir auch am Ende
durch den guten Bruder Tod,
dem kein Leib entgehen kann.
Alle Schöpfung lobt den Herrn.

 

 

 

Der Text stammt von Giovanni Bernardone, später Heiliger Franziskus genannt. Es ist der älteste Text altitalienischer Dichtung. Gesichert ist die Datierung: Altissimus omnipotente bonsignore, der Sonnengesang des Franz von Assisi wurde 1224-26 geschrieben. Die Friedensstrophe kam im September 1225 dazu, die Todesstrophe schrieb Franziskus kurz vor seinem eigenen Tod im September 1226. Der Komponist Johann Crüger schrieb 1653 die Melodie und orientierte sich an Psalm 47 des Genfer Psalters, einer Musik von Loys Bourgeois von 1551. Wenn wir das Ref. Gesangbuch auf der N° 33 aufschlagen, so finden wir dort die Ähnlichkeit zwischen den Versionen aus dem Genfer Psalters und der Melodie von Crüger.

 

Franziskus, Sohn eines reichen Kaufmanns und einer französischen Mutter, brach nach einer schweren Erkrankung mit seinem Elternhaus und verzichtete auf reiches Erbe und Besitz. Er lebte mit Gleichgesinnten in Armut und pilgerte mit den Minoriten (lat. fratres minores d. h. Minderbrüder, paurperes, Arme Brüder) umher, um zur Umkehr zum Evangelium aufzurufen. Der Legende nach redete er mit den Tieren, z. B. befriedete er einen gefährlichen Wolf. Er hatte ein Augenleiden und zog sich in die Berge zurück. Dort soll er 1224 nach 40 Tage langem Fasten auf dem Berg La Verna darum gebeten haben, die Wundmahle Christi zu empfangen. Daraufhin wurde er in einer Vision von einem Seraph stigmatisiert. Er trug aber Christi Wundmahle versteckt, so dass sie erst nach seinem Tode entdeckt wurden. Einen Monat, nachdem er die Todesstrophe schrieb, starb Franziskus fast vollkommen erblindet im Oktober 1226.

 

Die erste Version seines Sonnengesangs hat er im umbrischen Volksdialekt notiert. Darin und in seiner Theologie erkennt man die Abkehr von höfischer Poesie und die Hinwendung zum Einfachen. Er wendet sich an einfache Leute, die von einer hochmütigen Kirche vergessen worden sind. Seine Poesie schöpft aus zwei Quellen, aus der provenzalischen Tradition der Troubadours und aus der Tradition der poetischen Naturanrufung, die bis in die Antike zurückgeht. Romantisch ist das aber nicht zu verstehen, denn in seinen ersten beiden Strophe hat Franziskus eine warnende Kluft zwischen Gott und Mensch, Erhabenem und Leidendem, Mächtigem und Ohnmächtigen, Schöpfer und Geschöpf verankert:

 

Du höchster, mächtigster, guter Herr,
Dir sind die Lieder des Lobes, Ruhm und Ehre
und jeglicher Dank geweiht;
Dir nur gebühren sie, Höchster,
und keiner der Menschen ist würdig,
Dich nur zu nennen.

 

Dieser grundsätzliche Gegensatz ist in der Liedversion gänzlich entfallen.

Die Lobformel Laudato si misignore (Gelobt seist du, mein Herr) ist im Passiv formuliert. Wer lobt hier? Wer ist Subjekt des Gotteslobes? Kein Mensch ist würdig, dich zu nennen, heißt es. Der Mensch als handelndes Subjekt wird hintangestellt. So ist es auch in den Franziskanischen Klosterregeln. Franziskus geht es um ein umfassendes Gotteslob, in das die ganze Schöpfung hineingenommen ist. Die große Kluft, die klaffende Spalte zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen kann nur durch friedensstiftende Liebe überbrückt werden. Christus ist derjenige, der dies am tiefsten Abgrund – dem Tod – getan hat. Christus verleiht der Schöpfung eine unauslöschbare Prägung, nämlich die der Liebe, die die größtmöglichen Gegensätze überwindet. Christus ist die Gravur in allem Seiendem. Von dieser franziskanischen Grundhaltung ist in der Liedversion nichts mehr zu spüren.

 

Die Anrufung des „höchsten, allmächtigen, guten Herrn“ ist auf „Herr“ reduziert. „Dir seien Loblieder Herrlichkeit, Ehre und Segen“ – wir finden es nicht im Lied. Auch das Gefälle zwischen Gott und Mensch, zu dem sich der Mensch bekennt, fehlt. Es bleibt auch nur noch der leibliche Tod im Lied erhalten. Franziskus dichtete aber ursprünglich vom „zweiten Tod“:

 

Gelobt seist Du, Herr,
durch unsern Bruder, den leiblichen Tod;
ihm kann kein lebender Mensch entrinnen.
Wehe denen, die sterben in schweren Sünden!
Selig, die er in deinem heiligsten Willen findet!
Denn sie versehrt nicht der zweite Tod.
Lobet und preist den Herrn!
Danket und dient Ihm
in großer Demut!

 

Die ursprüngliche Todesstrophe mit dem „zweiten Tod“ zeigt, dass es sich hier nicht um ein harmloses Naturliedchen handelt. Franziskus hat den Sonnengesang nicht verfasst, weil er daran glaubte, in der Natur könne man Gott unmittelbar begegnen. Für ihn war Christus die innere Gravur der Schöpfung. Wie Christus sich selbsterniedrigt hat, so kann auch der Mensch den tiefsten Sinn des Lebens erfahren, in dem er sich radikal dem „Minderen“ zuwendet, dem Übergangenen und dem Verachteten. Warum sollte er das tun? Per lo tuo amore – um der Liebe Gottes willen.


Es ist z. B. das geringe Feuer im Herd, das der Mensch im Alltag gering achtet, statt es zu heiligen. Der Mensch verdankt sich der Schöpfung, die ihm lebenserhaltend dient. Der Mensch antwortet mit Hochachtung und liebender Zuwendung. Die Spaltungen zwischen Gott, dem Schöpfer und seinem Geschöpf, dem Menschen und der ganzen Schöpfung werden geheilt.


Ich deute die Reduktion der ersten beiden Strophen (Anrufung des Höchsten und Bekenntnis des Menschen zu seiner Unterwürfigkeit), die Fokussierung auf den bloß leiblichen Tod und die Streichung der christologischen Dimension, wie Franziskus sie theologisch dachte und spirituell lebte, als Symptome des 20. Jahrhunderts. Wenn wir ehrlich sind, ist der Mann aus Nazareth inzwischen mehr ein tolles, diesseitiges Vorbild geworden als dass er als Gottes Sohn, Erlöser und Auferstandener angesehen wird.

 

Der Sonnengesang ist in unserer neuen Zeit diesseitig geworden. Übrig geblieben ist nur noch das, was dem modernen Menschen auch heute noch geläufig ist: der Himmel, die vier Elemente, der Mensch mit seinem medizinischen Tod.

 

Die Akzente unseres Weltbildes haben sich deutlich verschoben. An der Liedfassung von Kurt Rose von 1991/92 im Vergleich zur franziskanischen Poesie aus dem 13. Jahrhundert wird dies symptomatisch deutlich. Genauso ist die Natur inzwischen mehr Materie als das Zeugnis eines lebensliebenden Schöpferwillens, der uns und unsere Mitwelt von vornherein als gewollt, geliebt, gesegnet und erlöst  beschreibt. Bleibt zu hoffen, dass wir wenigstens das Loben nicht verlernen. Denn auf nichts anderes kommt es an: aufs Leben, Loben, Lieben. Dieser alten, jüdischen Ethik ist Franziskus mit Leib und Seele gefolgt.

 

Pfrn. Astrid Wuttge Glang, Thusis




MONATSLIED JUNI 



RG 281 „Du bist der Weg, auf dem wir schreiten…“




 

Du bist der Weg, auf dem wir schreiten

vom Anfang und in Ewigkeiten;

du bist die Tür, durch die wir gehen,

das Licht, das wir im Dunkeln sehen.

 

Du bist die Wahrheit und das Leben,

das ewige, für uns gegeben;

du bist der Hirte deiner Herde;

dein ist der Himmel, dein die Erde.

 

Du bist der Weinstock, wir die Reben;

wir können ohne dich nicht leben;

wir wachsen nur von deinem Triebe

und leben nur von deiner Liebe.

 

Du bist das, Wort, auf das wir hören;

dich preisen wir in hellen Chören;

du bist das Brot und unsre Speise;

Herr, gib uns Kraft zu unsrer Reise.

 

Refrain: Christ Kyrie, Christ Kyrie.

 

 

Im Evangelisch-reformierten Gesangsbuch steht dieses Lied im Kapitel "Gottesdienst in der Gemeinde". Dieses Kapitel ist in Rubriken unterteilt. Das Lied 281 steht in der Rubrik "Bekenntnis des Glaubens". Im Gottesdienst kann es gesungen werden anstelle eines gesprochenen Glaubensbekentnisses.

 

Im Bekenntnis des Glaubens kommt die Gemeinde zu Wort. Sie ist insbesondere dann eine mündige Gemeinde, wenn sie ihre Stimme im Gottesdienst, im gemeinsamen Bekennen und Singen erhebt. Im Lied wird in dicht gestalteter Sprache das Wesentliche des Glaubens benannt.

 

Das Bekenntnis des Glaubens im Gemeindegottesdienst ist der Ort, wo die Gemein-deglieder sich für einmal nicht als Individuen profilieren und abgrenzen müssen. Im Bekenntnis des Glaubens kommt zum Ausdruck, was uns als Gemeinde im Glauben verbindet.

 

Der Text des Liedes ist voller Bezüge auf biblische Texte. Er ist besonders stark bezogen auf die "Ich-bin-Worte" Jesu, die im Evangelium nach Johannes überliefert sind. Im Wesentlichen ist das Lied jedoch Anrede und Orientierung auf ein "Du" hin. Der Refrain macht deutlich, wer mit diesem "Du" gemeint ist: Christ Kyrie, das heisst, "Christus, Herr".

 

In der antiken Welt war der Kyrios-Titel den Herren dieser Welt zugedacht, so zum Beispiel den römischen Kaisern. Diese selbstverständliche Zuordnung stellten alle die in Frage, welche in Jesus, seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung den Christus, den Gesalbten Gottes erkannten. Die bekenntnishafte Zuordnung des Kyrios-Titels zu Jesus Christus war und ist bis heute eine radikale Absage an die Herren dieser Welt.

 

Die radikale Absage an die Herren dieser Welt will in der Gemeinde und in unserem Alltag zu mehr werden, als zu einer blossen Negation. Weil Jesus Christus der Herr seiner Gemeinde ist, sind wir als die Seinen dazu gerufen, unsere Beziehungen untereinander in gleichberechtigter Gegenseitigkeit und damit als Begegnungen auf Augenhöhe - eben ganz und gar geschwisterlich - zu gestalten.

 

Eine christliche Gemeinde, die ihr gemeinsames Bekennen des Glaubens ernst nimmt, wird von da her immer wieder hineinfinden in Formen des solidarischen Unterwegsseins miteinander. Diese Geschwisterlichkeit wird letztlich immer neu auch in den Dienst an der Welt hineinführen, zu dem die Gemeinde beauftragt ist.

 

Pfr. Kaspar Kunz, Präz

 


MONATSLIED MAI


RG 484 „Ich sage es jedem, dass er lebt“






 

Ich sag es jedem, dass er lebt

und auferstanden ist,

dass er in unsrer Mitte schwebt

und ewig bei uns ist.


 

Ich sag es jedem; jeder sagt

es seinen Freunden gleich,

dass bald an allen Orten tagt

das neue Himmelreich.


 

Jetzt scheint die Welt dem neuen Sinn

erst wie ein Vaterland;

ein neues Leben nimmt man hin

entzückt aus seiner Hand.


 

Hinunter in das tiefe Meer

versank des Todes Graun,

und jeder kann nun leicht und hehr

in seine Zukunft schaun.


 

Der dunkle Weg, den er betrat,

geht in den Himmel aus,

und wer nur hört auf seinen Rat,

kommt auch in Vaters Haus.


 

Die Melodie stammt aus meiner Heimatstadt Darmstadt und ist auf das Jahr 1687 datiert. 100 Jahre später wird sie von Johann Heinrich Egli aufgenommen. Er war Violinist, Musiklehrer und Komponist aus Seegräben bei Wetzikon/Zürich. Das ist der Weg, den die Melodie von Hessen in die Schweiz nahm. Sie ist einfach, man könnte sie wie ein Frühlingslied vor sich herpfeifen, während man durch maiengrüne Wälder streift. Das Lied ist ein einziges Werben mitten im Frühlingserwachen. Ich stelle mir vor, wie ein begeisterter, junger Mann, der so anmutig aussieht wie der Dichter des Liedes – Novalis mit den langen, freien Haaren, mit hohen Augenbögen über neugierigen, weiten Augen und einem weichen, beinah feminin anmutenden Gesicht – durch die Lande läuft und ruft: „Ich sag es jedem, dass er lebt und auferstanden ist.“


Seine Begeisterung steckt andere an, schon gleich in der 2. Strophe. Da läuft jeder, der davon hört, ebenfalls los, werbend, mit ausgebreiteten Armen rufend, ein freudiges Stimmengewirr erhebt sich in der Luft. Der Freund sagt’s dem Freund, die Freundin ihrer Vertrauten, der Geliebte seiner Geliebten, die Paare den anderen Paaren. Ein Schneeballsystem der freudigen Nachricht kommt in Gang. An allen Orten beginnt etwas Neues. Es tagt das neue Himmelreich. Es tagt in doppelter Hinsicht: Das Himmelreich hält eine entscheidende Konferenz ab. Und bei dieser alles verändernden Tagung tagt ein neuer Tag. Ein neues Lebenslicht beginnt. Genau dies war Novalis Devise: „Jeder Anfang ist ein Akt der Freiheit.“ Dieses Lebensmotto hat er in geistliche Poesie verwandelt. Sie erzählt davon, dass nach Ostern alles neu ist: Die ganze Welt erhält einen anderen, einen neuen Sinn. Wir bekommen ein neues Leben geschenkt mit einer neuen Sicht auf die Zukunft. Unsere radikalste Grenze, der Tod, ist in die tiefste Tiefe versenkt worden. Novalis, der bedeutendsten Vertreter der Frühromantik, arbeitet in seinem Werk mit dem Stilmittel des sog. Kairos. Der Kairos ist der genau richtige Moment. Der entscheidende, optimale Jetzt-Moment, den man wie eine Blume pflücken muss. Seine Poesie stellt dem Leser vor Augen, dass der beschriebene Moment der genau richtige ist: „Jetzt scheint die Welt dem neuen Sinn“. Zusätzlich zu den im Gesangbuch befindlichen 5 Strophen hat Novalis in seinem Gedicht noch weitere drei Gedichtverse verfasst. Die Worte „jetzt“ und „nun“ kommen häufig vor. Auch der Gedanke, dass der Auferstandene jetzt und ab jetzt auf ewig lebt, ja, in der Mitte der Jetztzeit steht, drückt diese Konzentration auf den gegenwärtigen Augenblick aus. Dass Novalis solch ein freudiges Gedicht schrieb, das zu neuem Lebensmut hinreißt, ist so selbstverständlich nicht, hat Novalis sich doch mit Sophie von Kühn an deren 13. Geburtstag verlobt, die dann als 15-Jährige qualvoll starb. „Jeder geliebte Mensch ist der Mittelpunkt vom Paradies,“ schreibt er an anderer Stelle. Der hochgebildete, wissenschaftlich sehr versierte Novalis wollte Glaube und Wissenschaft, Bildung und Mystik miteinander in Einklang bringen. Mystik ist nichts anderes, als die Vorstellung, dass Himmel und Erde einander berühren und dass der Mensch sich mit dem Göttlichen vereinen kann. Dafür wirbt der gläubige Dichter und dichtende Denker: In Christus fallen die größtmöglichen Gegensätze in sich zusammen: coincidentia oppositorum heißt das in der mystischen Philosophie. In Christus vereinen sich die menschliche und die göttliche Natur. Im Auferstandenen werden Leben und Tod miteinander versöhnt. Die Blaue Blume war Symbol der Romantik. Sie stand für Sehnsucht, Liebe und dem Streben nach Unendlichkeit. In Christus hat Novalis seine Blaue Blume gefunden. In Christus erfüllt sich die ersehnte Liebe bleibend, die den Tod überwindet. Diese Blaue Blume hat Novalis sich gepflückt, gerade zum rechten Augenblick.

 

 

Pfrn. Astrid Wuttge Glang, Thusis

 

 

 

MONATSLIED APRIL



RG 169 „Christus, Dein Licht, verklärt
unsre Schatten“







 

Christus, dein Licht

Verklärt unsere Schatten,

lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht.

Christus, dein Licht

erstrahlt auf der Erde,

und du sagst uns: Auch ihr seid das Licht.

 

So lautet die deutsche Version dieses Taizé –Wiederholungsgesanges von Jacques Berthier, des langjährigen Musikers und Textdichters der südburgundischen Gemeinschaft. Er hat den Gesang und musikalische Stilrichtung dieser um Frère Roger (+ 2007) vor mehr als einem halben Jahrhundert entstandenen ökumenischen Commmunauté ganz entscheidend geprägt. Obwohl auch Berthier schon länger verstorben ist, übt nicht zuletzt diese Art gemeinsam, betend, kontemplativ und ausdauernd zu singen nach wie vor eine gewaltige Anziehungs- und Ausstrahlungskraft auf viele  - vor allem auch junge - Menschen aus.


Weg von dem inhaltschweren Strophenlied, hin zu einfachen, klaren oft biblisch angelehnten Gebetsbitten, Glaubens-, Verheissungs- und Verkündigungs-Sätzen, die in Taizé selbst – das einzelne Lied oft minutenlang ruhig und sich immer wiederholend, - täglich mindestens dreimal das liturgische Fundament der Andachten bilden.


Gut kann ich mich erinnern, wie mich als Student beim ersten Besuch vor Ort, dieses einfache, eindrückliche Singen mit hinein genommen hat in ein Gefühl der tiefen, gelassenen Ruhe und des Getragenseins, und wie aus einer so unterschiedlichen wie anonymen Zufallsgruppe eine Glaubens- und Weg-Gemeinschaft im singenden Beten und betenden Singen werden kann.


So schwer einem anfangs (mir ging es jedenfalls so) das sich Einlassen auf die Wiederholung eines immergleichen Lied-Textes und einer ebensolchen Melodie fallen kann , vielleicht liegt gerade darin die Stärke und Kraft eines solchen Singens – weit weg von allem Schnelllebigen, jedem raschen Wechsel, den Drücken und der  Geschwindigkeit -  hin zur Mitte zum Wesen und zur Wesentlichkeit des Lebens …


Jacques Berthiers ursprüngliche Worte zu dieser Melodie unseres Gesangbuchliedes 169 sind nicht nur von der Sprachmelodie des Französischen her ganz anders singbar, als deren mitunter etwas holprige deutsche Übertragung, sondern auch von deren Wortsinn, die genauer übersetzt – so eben nicht singbar – lauten:

 

Jesus Christus, inneres Licht

Lasse nicht zu, dass (nur) Schatten/Dunkel zu mir spricht

Jesus Christus, inneres Licht

Gib (mir die Fähigkeit), dass ich deine Liebe annehmen kann.


 

Herzlich grüsst,

Pfr. Thomas Ruf, Almens





MONATSLIED MÄRZ



RG 166 „Schweige und höre“





"Schweige und höre,
neige deines Herzens Ohr,
suche den Frieden."


Der Kanon „Schweige und höre“ steht im RG unter der Nummer 166 im Teil Eröffnung und Sammlung. Die hier zusammengetragenen Lieder berücksichtigen die unterschiedlichsten Aspekte des Gottesdienstes und bereiten die Gemeinde auf das gottesdienstliche Geschehen vor. Sei es in der Weise, dass um Gottes oder Jesu Christi Gegenwart gebeten wird (RG 156, 162, 163), oder sei es, dass der Schöpfergott verherrlicht wird (RG 161) oder sei es dass die Gemeinde sich aufgemacht und versammelt hat und sich auf den Gottesdienst vorbereitet (RG 165, 166, 167). Zu letzter Kategorie zählt unser Monatslied „Schweige und höre“.

 

Übergänge bewusst schaffen; nicht plötzlich von einer in die andere Situation stürzen, sondern sich auf das vorbereiten was mich nun erwartet, was kommt. Das ist etwas, das uns immer schwerer fällt. Beim Fernsehen switchen wir schnell von einem Kanal zum anderen. Bei Treffen mit Kollegen bringt uns der Telefonanruf ganz schnell ein neues Erlebnis. Kaum droht ein Termin dem Ende entgegen zu gehen, schliesst sich der nächste unmittelbar an. Noch unmittelbar vor einer Kinovorstellung wird noch telefoniert und für das Ende des Films ein neuer Termin vereinbart.

 

Wer erinnert sich noch an die Spannung, die in der Vorbereitung auf ein grosses Ereignis bestand, seien es Geburtstags- oder Weihnachtsvorbereitungen? Wer kennt sie noch, die Erwartung, die sich mit einem festlichen Ereignis verband?

 

Wenn Gemeinde sich in der Kirche oder im Gemeindesaal versammelt, wenn Geschwätz und Geplauder langsam abgelöst werden durch einzelne und dann immer mehr Gesangsstimmen, dann gestaltet sie bewusst einen Übergang. Sie bereitet sich vor auf den Gottesdienst. Und sie nimmt sich zurück: kein Geschwätz mehr, kein sich selbst Reden hören mehr – sondern schweigen ... und hören. Nicht nur mit den Ohren am Kopf, sondern mit den Herzensohren hören auf das, was im Gottesdienst geschieht; nicht nur einmal, zweimal. Ein Kanon lebt von der immerwährenden Wiederholung. Er holt die Singenden ab und führt sie hin zu dem gottesdienstlichen Geschehen. Wer so vorbereitet ist, öffnet sich für ein ganz besonderes Ereignis, für ein Fest am Sonntag, oder wann immer Menschen Gottesdienst gemeinsam feiern.

 

Pfarrer Jörg M. Wuttge, Cazis und Flerden-Urmein-Tschappina

 



MONATSLIED FEBRUAR



RG 581 „Dein Morgen, dein Tag, du führst ihn heraus“



1. Dein Morgen, dein Tag, du führst ihn hinaus,
Gott, Unserem Dunkel entgegen.
Die Sonne dein Licht, ergreift unser Haus,
drauf Wärme und Tröstung zu legen.
Du breitest den Himmel weit über uns aus,
dass Schatten und Schuld vergehen.



2. Wir sehen die Wolken, flüchtigen Traum,
die zärtlichen Farben der Frühe.
Nun weckst du den Wind im schläfrigen Baum,
nun hebt sich der Nebel mit Mühe.
Das Nachtgetier treibst du in sicheren Schutz;
dein Morgen, dein Tag will nun leben.



3. Da hebt es schon an, ein Rufen beginnt,
es singt auf den Feldern und Höhen,
die Bäche spielen, es läutet der Wind.
Du, Gott, kannst sie alle verstehen;
du hörst sie und weisst, dass sie glücklich sind,
die deinen Morgen erleben.



4. Du richtest dein Ohr auf Gras und Gestein,
du hörst die Unhörbaren singen,
es hüpfen die Berge und stimmen mit ein
ins Hallen und Schallen und Klingen.
Nun höre auch mich, Gott; dein Morgen, dein Tag
ist voll von dem Lob deiner Erde.



Kurt Rose ist der Dichter dieses Liedes. Es ist ein poetisches Nachsinnen, das gut in diese Tage passt, in denen das Licht langsam zurückkommt. Die Tage beginnen wieder heller und klarer zu werden. Öffnen wir früh morgens die Fenster hören wir wieder Vögel singen und halten sehnsüchtig Ausschau nach dem erwachenden Leben.



So hört auch Gott seiner Schöpfung zu, wenn der Tag erwacht. Gott hört allem zu, was sich regt und bewegt, sogar dem Gras und den Steinen. Und sein Ohr nimmt wahr, was wir nicht hören können, das Geheime Hallen und Schallen und Klingen in Allem, was im Kreislauf von Werden und Vergehen steht. Gott hört auch uns Menschen zu. Er hört nicht bloss unsere Worte und unser Lachen und Seufzen, sondern auch das Unhörbare in uns, unsere Regungen und unser Wachsen im Geheimen, das kaum wahrnehmbar ist, auch für uns selbst.



Pfarrerin Gisella Belleri, Feldis


 


MONATSLIED JANUAR



RG 549 „Hilf, A und O“



1. Hilf, A und O, Anfang und Ende, du Herr der Ewigkeit,

dass sich zu dir aufrichtig wende in dieser neuen Zeit

ein Volk, das sich von dir vergangen und abgewichen war.

Lass uns zur Buße Gnade erlangen in diesem neuen Jahr.

 

3. Ach, lehr uns, Herr, doch recht bedenken, dass unsrer Jahr nicht viel;

des Herzens Dichten wollst du lenken nur nach dem sel’gen Ziel,

dass wir nicht aus den Augen setzen den Stand der Ewigkeit,

dich aber weit, weit höher schätzen denn alles in der Zeit.

 

6. Und wie du in vergangnen Jahren mit Gnade und überschütt’,

derer wir gar nicht würdig waren, du wesentliche Güt,

so lass auch dieses Jahr gedeihen; tu auf die Gnadenhand,

bis wir uns dort vollkommen freuen bei dir im Vaterland.

 


Die Melodie von Guillaume Franc stammt aus dem Genfer Psalter, der in der 3. erweiterten Auflage 1543 erschien. Sie ist in e-Moll geschrieben. Es gibt nur zwei Notenwerte. Alle Zeilenanfänge und –enden weisen lange Notenwerte auf. Die streng reduzierte Form hängt mit der Reformation zusammen. In der Reformationszeit gab es nicht nur einen Bildersturm, sondern auch eine Art Musiksturm. Das lateinische Psalmodieren wurde verbannt. Es galt als katholisch. Calvin übertrug die Psalmen in die Form des Strophenliedes. Der Text musste ganz nahe den biblischen Psalmen folgen. Interpretatorische Zusätze, Erweiterungen oder Kürzungen mussten vermieden werden. Der Genfer Reformator Calvin wusste aber um die „entflammende Kraft der Musik“. Diese wollte er nutzen, aber so, dass die Musik, in der er die Gefahr sah, menschliche Leidenschaften zu wecken, formal stark eingeschränkt wurde. Sie sollte „poids et majesté“ ausdrücken, nicht Lebensfreude gar tänzerischer Art, Gefühle oder Sinnlichkeit. Die Melodieführung ist daher nur mit kleinen Schritten und wenigen kleinen Tonsprüngen durchgestaltet. Auf jede Silbe kommt ein Notenwert. Ligaturen kommen also nicht vor, ebenso wird man tänzerische Dreierrhythmen oder Punktierungen vergeblich suchen.

 


Der Text ist von Hieronymus Annoni (auch d'Annone) 1728 zur Genfer Melodie geschrieben worden. Er war reformierter Theologe und Kirchenliederdichter aus der Basel und gilt als der Begründer des Basler Pietismus. Der Text folgt der Memento-Mori-Ethik. Die Vergänglichkeit lehrt den Menschen zu unterscheiden, was kaum und was ewigen Wert besitzt. Es gilt, das „sel’ge Ziel“ zu erreichen und Gott „weit, weit höher zu schätzen, denn alles in der Zeit.“ Die Bilder der Vergänglichkeit werden in der 2. Strophe ausgemalt: Traum, Lebenszeit, Wind, Rauch, nichtiges Geschwätz, „ein bald vergessner Ton“. Die Sterblichkeit ist ein „streng Gesetz“, dem niemand ausweichen kann. Der Dualismus von Abwendung des Menschen von Gott und Zuwendung Gottes zum Menschen, von Sünde und Gnade wird in diese Vergänglichkeitsethik hineingetragen. Die unverdiente Gnade, die der Mensch im vergangenen Jahr empfangen hat, weist nach vorn in die Zukunft: Gottes Gnadenhand leitet uns in die Zukunft, ins neue Jahr und in die Ewigkeit.


Pfrn. Astrid Wuttge Glang, Thusis

 



MONATSLIED DEZEMBER



RG 2 „Gottes Lob wandert“


 


Gottes Lob wandert, und Erde darf hören.

Einst sang Maria, sie jubelte Antwort.

Wir stehn im Echo der Botschaft vom Leben:

Den Herrn preist meine Seele.

Ich freue mich, dass er mein Retter ist.

Der Hohe schaut die Niedrige an.

Halleluja, Halleluja.

 

Scharen von Schwestern und Brüdern im Glauben

singen, was damals Maria gesungen,

als ihr geschah, wie der Engel versprochen:

Den Herrn preist meine Seele.

Ich freue mich, dass er mein Retter ist.

Die Stolzen stürzt er endlich vom Thron.

Halleluja, Halleluja.

 

Wunder der Wunder: für uns wirst du Mensch, Herr!

Lass doch das Lied, das Maria uns lehrte,

Brücke der Freude sein, die uns zu dir führt:

Den Herrn preist meine Seele.

Ich freue mich, dass er mein Retter ist.

Er denkt an uns, hilft Israel auf.

Halleluja, Halleluja.

 


Unser „neues“ reformiertes Gesangbuch, das dieses Jahr sein 10jähriges Jubiläum feiert, beginnt seine Liedersammlung bekanntlich mit den Psalmen. Allerdings nicht mit einer Vertonung von Psalm 1, wie man erwarten könnte, sondern mit einem Psalm aus dem Neuen Testament: Dem Lobgesang der Maria. Und dieses „Magnificat“ wird gleich in dreifacher Version präsentiert. Als traditioneller Choral, als modernes Lied und als Kanon. Dem zweiten gilt nun im Advent unser Hauptaugenmerk.


Die ursprüngliche Textfassung stammt vom Norweger Svein Ellingsen. Geduld und Zuhören-Können nennt er die Haupttugenden eines Kirchenlieddichters. Sorgfalt, Klarheit und Schlichtheit seiner Texte werden denn auch gerühmt. In unser Gesangbuch Eingang gefunden hat das Lied durch die deutsche Übertragung von Jürgen Henkys und die neu komponierte Melodie von Manfred Schlenker.


Seit Jahrzehnten bemüht sich Henkys, das geistliche Liedgut anderer Länder zugänglich zu machen durch sorgfältige Übertragungen. Bei der Umdichtung aus einer fremden Sprache kann natürlich nicht alles wörtlich übernommen werden. Ziel muss aber sein, Aussage und Poesie zu erhalten. Wie gut dies Henkys gelingt, zeigt dieses Lied.


Gottes Lob „wandert“. Mit diesem poetischen Schlüssel öffnet Henkys den Raum zu einer Fülle von Assoziationen. Er erweckt jene Szene, die nach Lukas den Lobgesang der Maria umgibt: Maria wandert nach der Ankündigung der Geburt von Jesus ins judäische Gebirge zu ihrer Verwandten Elisabeth. Diese preist Maria und den kommenden Herrn. Und Maria selbst gibt ihrer überwältigenden Freude Ausdruck in den Worten des Magnificats, die ihr „zugewandert“ sind. Generationen haben es vor ihr gesungen, ausgelöst durch ihre Gotteserfahrungen. Ihr Jubel ist Antwort und kann nur Antwort sein. Mit ihr ist das Lob gewandert, das Gott sich selbst in ihrem Leib bereitet hat.


Dass das Lob wandert, bedeutet freilich auch, dass es sich ständig neue Räume erschliessen kann. Dass es andere aber auch verlässt oder gar an ihnen vorbeigeht. Die Erde darf hören. Sie muss nicht.


Uns erreicht der Lobgesang als Widerhall von der Erde, die ihn zuerst hören durfte. Und die ihn als Echo an die folgenden Generationen weitergab. Marias Lied wird weitergesungen von Scharen Glaubender, die durch ihren Glauben Schwestern und Brüder geworden sind. Sie machen im Grund die gleiche Erfahrung wie Maria: In den zugewanderten Worten das Loblied weiterklingen zu lassen und andere in das Echo einzubeziehen.

 

Eine besinnliche Adventszeit wünscht Ihnen Pfr. Josias Burger, Sils i.D.




MONATSLIED NOVEMBER



RG 91 „Danket Gott, denn er ist gut“


Alle 26 Verse des Psalmes 136, der diesem Lied zugrunde liegt, enden 26-mal mit: „ Ja, seine Güte währet ewig!“ Entsprechend lautet der Refrain, nach jeder einzelnen der 12 Sing-Strophen: „Seine Huld währt alle Zeit, waltet bis in Ewigkeit.“


Klammer und Leitvers am Anfang und Schluss von Psalmtext und Gesangbuchlied bilden zugleich Titel und Programm derselben:
„Danket Gott, denn er ist gut, gross ist alles, was er tut.“


Dann folgt der konkrete Inhalt des Dankes. Und da werden zwei der wichtigsten Glaubenstraditionen des alten Israel aufgenommen, die bis heute mit Festen im jüdischen Jahreskalender gefeiert werden:


1.) Gott, der Schöpfer von allem Sein /Leben, und von allem was uns umgibt:
     „Erd und Himmel; Sonne, Mond und Sterne“.

 

2.) Danach wird die Exodus-/die Auszugstradition besungen: Gott, der
     Befreier aus Ägyptens Dienstbarkeit, der durch die Wüste(n) (des Lebens)
     „mit starker Hand führt“.


Nicht nur der Leitvers wiederholt sich ständig, auch die eigentümliche fast tänzerisch-fröhliche Melodiebewegung wird immer wieder in Strophe und Refrain aufgenommen. Im Gesangbuch steht unten lapidar angemerkt: M: aus China. Tatsächlich kann ich mir gut chinesische Saiteninstrumente vorstellen, die diese Melodie spielen.


Im kalendarischen Umfeld von Dank- Buss und Bettag, sowie von Herbst-/Erntedankfest befinden wir uns – jährliche/r Erinnerung und Appell, all das zu bedenken, was nur allzu oft als tägliche Selbstverständlichkeit gelebt wird.


Was den Psalmisten wichtig, kann uns nur recht sein: Danken: dankend singen – singend danken  – vielleicht auch gerade wenn es einem nicht zuvorderst ist, kann uns die Sinne für die unzähligen kleinen und grossen Wunder des Lebens  als Spuren des ewigen Gottes eröffnen. 


Pfarrer Thomas Ruf, Almens




MONATSLIED OKTOBER



RG 91 „Danket Gott, denn er ist gut“




Alle 26 Verse des Psalmes 136, der diesem Lied zugrunde liegt, enden 26-mal mit: „ Ja, seine Güte währet ewig!“ Entsprechend lautet der Refrain, nach jeder einzelnen der 12 Sing-Strophen: „Seine Huld währt alle Zeit, waltet bis in Ewigkeit.“


Klammer und Leitvers am Anfang und Schluss von Psalmtext und Gesangbuchlied bilden zugleich Titel und Programm derselben:
„Danket Gott, denn er ist gut, gross ist alles, was er tut.“


Dann folgt der konkrete Inhalt des Dankes. Und da werden zwei der wichtigsten Glaubenstraditionen des alten Israel aufgenommen, die bis heute mit Festen im jüdischen Jahreskalender gefeiert werden:


1.) Gott, der Schöpfer von allem Sein /Leben, und von allem was uns umgibt:
     „Erd und Himmel; Sonne, Mond und Sterne“.

 

2.) Danach wird die Exodus-/die Auszugstradition besungen: Gott, der
     Befreier aus Ägyptens Dienstbarkeit, der durch die Wüste(n) (des Lebens)
     „mit starker Hand führt“.


Nicht nur der Leitvers wiederholt sich ständig, auch die eigentümliche fast tänzerisch-fröhliche Melodiebewegung wird immer wieder in Strophe und Refrain aufgenommen. Im Gesangbuch steht unten lapidar angemerkt: M: aus China. Tatsächlich kann ich mir gut chinesische Saiteninstrumente vorstellen, die diese Melodie spielen.


Im kalendarischen Umfeld von Dank- Buss und Bettag, sowie von Herbst-/Erntedankfest befinden wir uns – jährliche/r Erinnerung und Appell, all das zu bedenken, was nur allzu oft als tägliche Selbstverständlichkeit gelebt wird.


Was den Psalmisten wichtig, kann uns nur recht sein: Danken: dankend singen – singend danken  – vielleicht auch gerade wenn es einem nicht zuvorderst ist, kann uns die Sinne für die unzähligen kleinen und grossen Wunder des Lebens  als Spuren des ewigen Gottes eröffnen. 


Pfarrer Thomas Ruf, Almens

 

MONATSLIED SEPTEMBER



Die auf Gott vertrauen, bekommen neue Kraft.




Kommentar zum Monatslied im Kolloquium Nid dem Wald.

 

 

Nun danket Gott, erhebt und preiset
seine Gnaden, die er euch erweiset,
Und zeiget allen Völkern an,
die Wunder, die der Herr getan.

 

Das Monatslied für den September erinnert daran, dass Gott und der Mensch zueinander in Beziehung stehen und dass diese Beziehung gepflegt werden muss, soll sie dem Menschen zum Guten gedeihen.

Bekommen wir von jemandem etwas geschenkt, das uns freut, dann haben wir das Bedürfnis zu danken und erzählen andern davon. Genau so funktioniert die Beziehung zu Gott. Auch ihm sollen Menschen danken für das Gute, das ihnen widerfährt und sie sollen andern erzählen, von seinen Freundschaftsdiensten an uns.

Damit wir das aber können, muss uns das Gute, das uns vom Göttlichen her geschenkt wird, erst bewusst sein. Wir müssen die freundliche Zuwendung Gottes bedacht haben. Das ist eine Meditation, die sich lohnt. Sie macht uns fröhlich und tröstet in Traurigkeit. In Zeiten der Unsicherheit, kann ein solches Nachdenken das Vertrauen in die Zukunft festigen. Die auf Gott vertrauen, bekommen neue Kraft und werden aus ihrer Not hinausgeleitet in ein neues noch unbekanntes Leben.

Die 4. Strofe des Monatsliedes nimmt Bezug auf das biblische „Volk Israel“: Sie beschreibt Gottes Wegbegleitung der kleinen Habe von Sklaven, die auszog aus Ägypten, um der Fremdbestimmung zu entkommen und in der Wüste Eigenverantwortung zu lernen. Gott führt, nährt und bewahrt sie, bis sie nach 40 Jahren bereit geworden sind, in ihr eigenes Land einzuziehen und sich eigene Häuser zu bauen.

"Sie haben seine Treu erfahren,
da sie noch fremd und wenig waren;
sie zogen unter Gottes Hand
von einem Land zum andern Land.
Er schützte und bewahrte sie,
und seine Huld verliess sie nie."


Aus Evanglisch-reformiertes Gesangbuch, Nun danket Gott

Pfarrerin Gisella Belleri, Feldis
 

MONATSLIED AUGUST



RG 76 „Wohl denen, die da Wandeln“




1. Wohl denen, die da wandeln
vor Gott in Heiligkeit,
nach seinem Worte handeln
und leben allezeit.
Die recht von Herzen suchen Gott
und seiner Weisung folgen,
sind stets bei ihm in Gnad.

 

2. Von Herzensgrund ich spreche:
dir sei Dank allezeit,
weil du mich lehrst die Rechte
deiner Gerechtigkeit.
Die Gnad auch ferner mir gewähr,
zu halten dein Gebote;
verlass mich nimmermehr.

 

3. Mein Herz hängt treu und feste
an dem, was dein Wort lehrt.
Herr, tu bei mir das Beste,
sonst ich zuschanden werd’.
Wenn du mich leitest, treuer Gott,
so kann ich richtig gehen
den Weg deiner Gebot’.

 

4. Lehr mich den Weg zum Leben,
führ mich nach deinem Wort,
so will ich Zeugnis geben
von dir, mein Heil und Hort.
Durch deinen Geist, Herr, stärke mich,
dass ich dein Wort festhalte,
von Herzen fürchte dich.

 

5. Dein Wort, Herr, nicht vergehet;
es bleibet ewiglich,
so weit der Himmel gehet,
der stets beweget sich.
Dein Wahrheit bleibt zu aller Zeit
gleichwie der Grund der Erde,
durch deine Hand bereit’.


 

Cornelius Becker (*24.10. 1561 U 25.5.1604) war Kaufmannssohn, Theologe und als Magister Lehrer an einer Privatschule, dann an der Leipziger Thomasschule. Es war damals üblich gewesen, dass Theologen zunächst als Haus- oder Gymnasiallehrer arbeiteten und dann erst auf eine Pfarrstelle berufen wurden. So auch bei Becker, der fast sein ganzes Leben in Leipzig verbrachte. Mit seiner erste Frau Dorothea Stockmann hatte er neun Kinder. Sie starb 1603. Der Witwer heiratete ein zweites Mal 1604 in seinem Todesjahr die Gastwirtstochter Martha Schreiner und starb mit 42 Jahren.

 


Innerprotestantische Grabenkämpfe

 

Becker war ein strammer Lutheraner. Deshalb kämpfte er gegen calvinistische Unterwanderungen des Luthertums an, und deshalb wurde er kurzzeitig seines Amtes enthoben. Dieser Zwangspause haben wir jedoch den Beckerpsalter zu verdanken: Den „Psalter Dauids Gesangweis/ Auff die in Lutherischen Kirchen gewöhnliche Melodeyen zugericht“ von 1602. Inzwischen hatte nämlich die deutschsprachige Version des reformierten Psalters von Ambrosius Lobwasser auch bei den Lutheranern Anklang gefunden. Das missfiel dem kämpferischen Lutheraner Becker. Er ärgerte sich „sonderlich derer, denen der athem nach dem Calvinismo reucht.“ Die sog. Kryptocalvinisten unternahmen zu jener Zeit ein weiteres Mal einen Versuch, den Calvinismus im Kurfürstentum Sachsen einführen. Ob konfessionell-theologische oder doch viel eher politische Motive maßgeblich waren, ist nach wie vor umstritten. Jedenfalls leistete Becker - genauso wie Volk und Pfarrerschaft - dagegen massiv Widerstand.

 

Das vorliegende Lied ist also den innerprotestantischen Grabenkämpfen zwischen Lutheraner und Reformierten zu verdanken. Dahinter steckt ein konfessionell unterschiedlicher Grundsatz, was die Auslegung der Bibel anbetrifft. Für Calvin galt, so wortgetreu wie möglich das alttestamentliche Textgut zu übertragen. Das jedoch verbietet, alttestamentliche Quellen auf Christus hin zu deuten. Für Luther hingegen ist das Alte Testament die Verheißung, die schon auf Christus hinweist und die sich in Christus dann erfüllt hat. Für Luther besteht gerade darin die Einheit beider Testamente: Christus als roter Faden, als Bogen, der im Alten Testament bereits beginnt und sich zum Neuen Testament hin spannt. Insofern gleicht für ihn Christus einer Brille, durch die hindurch er das Alte Testament liest. Christus ist jederzeit Maßstab und Richtung, woraufhin die Interpretation zielt. Christus ist gleichsam die Bedeutungsfolie, die auch auf alttestamentliche Texte gelegt werden kann.

 

Der Nachteil an Calvins Auffassung ist eine gewisse Schwerfälligkeit in der Sprache. Die Poesie leidet unter Calvins Verdikt. Außerdem waren Becker die „fremden, französischen und für die weltlüsternen Ohren lieblich klingenden Melodien“ eine Anfechtung. Daher setzte er bewusst den im Calvinismus weit verbreiteten und sogar verbindlichen Melodien des Genfer Psalters Melodien entgegen, die im Luthertum populär waren. Diesen bereits bekannten Lehnmelodien passte er seine Neudichtung des 119. Psalms an.

 


Wie aber kommt es, dass trotzdem dieses bekannte Lied in unserem reformierten Gesangbuch gelandet ist?

 


Ein Lied wandert durch die Zeiten

 

Zunächst liegt es daran, dass das Lied der Leipziger Thomaskantor Seth Calvisius für sein Chorbuch ausgewählt und dann 1627 im „Cantional“  seines Nachfolgers Johann Hermann Schein Aufnahme fand. Schließlich schrieb der Dresdner Hofkapellmeister Heinrich Schütz den vierstimmigen Satz dazu.

 

Die Wiederentdeckung von Schütz’ Psalmliedsätzen durch Philipp Spitta und die Herausgabe des im Jahre 1900 vom Zürcher Pfarrer Theodor Goldschmid herausgebrachten Chorheftes trug das Lied ins Jugendgesangbuch hinein und von dort 1950 ins Evang. Kirchengesangbuch Deutschlands (EKG). Von da aus kehrte es in die deutschsprachige Schweiz zurück, wo es 1953 im Jugendgesangbuch „Mein Lied“ abgedruckt wurde und schließlich sogar 1966 Eingang ins „Katholische Gesang- und Gebetbuch der Schweiz“(KKG) fand.

 


Gemeindegemäße Schlichtheit

 

In musikalischer Hinsicht verzichtet das Lied auf große Sprünge, komplizierte Rhythmen und extravagante Melodieführung. Das macht es leicht, es zu verinnerlichen. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich es beim Wandern vor mich herpfeife. Es passt zu einem munteren, leichtfüßigen Gang durch Gottes Welt ebenso wie zum Lebensweg eines Menschen, der stetig von Gottes Weisung begleitet wird.

 

Der Takt ist durchgehend gerade. Es gibt keine Schwerpunktverschiebungen. Dazu kann man gut laufen. Wir finden fast nur Viertelnoten. Das verleiht dem Lied den Charakter eines gleichmäßigen Flusses. Erst in der Schlusszeile wird der Rhythmus mithilfe von halben Noten verbreitert und abgebremst, so, als ob man beim Wandern kurz vor dem Ziel den Schritt verlangsamt.

 

Die Tonart entspricht dem heutigen F-Dur. Ausflüge in fremde Tonarten gibt es nicht. Nur beim Abgesang wird die Mollparallele (d-Moll) erreicht (bei „suchen“). Die Melodieführung des 1. Teils (des sog. 1. Stollens der Barform, die sich aus dem Minne- und Meistergesang entwickelte),  durchmisst mit wenigen kleinen Schritten eine ganze Oktave („Wohl denen, die da“). Einen Quartsprung gibt es nur am Anfang und zu Beginn der Schlusszeile (zwischen „folgen“ und „sind“). Nach der Wiederholung pendelt die Melodie um den Dominanten-Ton g. Das verleiht diesem 2. Teil (dem sog. 2. Stollen) einen beruhigenden Charakter.


Das wichtigste Element setzt sich aus nur drei Tönen zusammen, die der Tonleiter folgen: f-g-a und/oder ihre Umkehrung a-g-f. Diesen unspektakulären Baustein finden wir im 1. Teil, der wiederholt wird, allein viermal, nach der Wiederholung noch dreimal. Und diese schlichte Melodiearchitektur macht es so einfach, das Lied zu singen.

 

Überdies ist der Text sehr stark durchgekürzt worden. Der 119. Psalm ist mit 176 Versen der längste, der uns überliefert ist. Er folgt dem hebräischen Alphabet (Akrostichon), weshalb Luther diesen Psalm „Das güldene ABC“ nannte: Je acht Verse beginnen mit einem der 22 hebräischen Buchstaben.

 

Die Beschränkung auf nur 5 Liedverse und die nachstehende Auswahl sowie Themenkonzentration gab dem Lied die Form, die es für den Gemeindegesang brauchbar und attraktiv machte.

 

Vers 1: Ps 119,1-6

Seligpreisung: Wohl denen, die da wandeln

Vers 2: Ps 119,7+8

Dank

Vers 3: Ps 119, 31+32

Loyalitätserklärung; Halt

Vers 4 : Ps 119, 27+38

Bitte, Weg zum Leben;

lehr, führ’, stärke mich

Vers 5: Ps 119, 89+90

Hymnisches Bekenntnis;

bleibendes Wort Gottes und ewige Wahrheit


 

Lebensweg und Gottes Weisung

 

Im Mittelpunkt des Psalms steht die Weisung Gottes, die Thora. Die Vielfalt unterschiedlicher Lebensbezüge wird mit Gottes Weisung in Verbindung gebracht: Staunen und Sterblichkeit (V. 18 u. 19), Rat und Erquickung (V. 24 u. 25), Erkenntnis und Anfechtung (V. 27 u. 28), Schutz und Dankbarkeit (V. 36 u. 92), Sehnsucht nach Gott, aber auch Leiden am Wort Gottes (V. 123; V. 136 u. 161) sowie Lob über Gottes Gebote (V. 171) werden gleichsam durchs ganze Leben durchbuchstabiert. Der Lebensweg eines Menschen ist zugleich ein Wandeln, begleitet von Gottes Wort und ein Gang, der Gottes Weisung folgt.


Pfrn. Astrid Wuttge Glang, Thusis

MONATSLIED JULI



RG 88 „Hinne ma tov uma naim“



Hinne ma tov uma naim schewet achim gam jachad. - Dieser kleine Kanon gibt mit seinem hebräischen Text den zweiten Teil von Vers eins in Psalm 133 wieder. - Martin Buber übersetzt diese Worte wie folgt: "Wohlan, wie gut und wie mild ist's, wenn Brüder mitsammen auch siedeln!". Die Neue Zürcher Bibel übersetzt: "Sieh, wie gut und wie schön ist es, wenn Brüder beieinander wohnen".

 

Wenn wir von unserer Nachbarschaft ein Lied singen können, dann haben wir darüber nicht viel Positives zu vermelden. In dem kleinen Kanon zu Psalm 133,1 wird dagegen die geschwisterliche Nachbarschaft als gut, schön und mild besungen. Für ein gelingendes alltägliches Miteinander und für eine gute Nachbarschaft scheint es Grundregeln des Verhaltens zu geben: Schwestern und Brüder, Nachbarn, die friedlich miteinander wohnen, respektieren Grenzen und halten Freundlichkeit und gegenseitige Achtung in Ehren. Für Psalm 133 ist jedoch die gelingende Nachbarschaft noch vielmehr eine Widerspiegelung des schenkenden Handelns Gottes, der überfliessenden Segen und Leben bis in Ewigkeit gewährt.

 

Der Kanon ist in d-moll gesetzt. Er wirkt aber keineswegs traurig. Im ersten Teil, der ruhig dahinfliesst, ist eher die Alltäglichkeit des geschwisterlichen Miteinanders musikalisch umgesetzt. Der zweite Teil erinnert musikalisch an die guten Momente, an die Highlights, welche es in in jeder guten Nachbarschaft auch braucht.

 

In meiner Arbeit habe ich schon öfters beeindruckende Beispiele von nachbarschaftlicher Hilfe und Solidarität kennengelernt. Da gibt es zum Beispiel eine Familie, die ihren alleinstehenden Nachbarn jeden Tag in ihren Mittagstisch einbezieht. - Ihnen allen wünsche ich von Herzen, dass Sie in Alltagsbeziehungen leben können, in denen sich Gottes Schenken und Segnen widerspiegelt. Ein gelingendes alltägliches Miteinander wünsche ich Ihnen, von dem Sie ein Lied wie das "Hinne ma tov…" singen können.

 

Pfarrer Kaspar Kunz, Präz

MONATSLIED JUNI


RG 81 „Wie die Träumenden werden wir sein“



1. Wie die Träumenden werden wir sein:
    Herrlich erneuert der Herr sein Zion;
    Jubel und Lachen wird jäh uns ergreifen.
    Gott wird zum Heil wenden unser Geschick.


2. Bei den Völkern ringsum wird es kund:
    Groß ist, wie Gott an ihnen handelt.
    Ja, es ist groß, wie er an uns handelt.
    Fröhlich bezeugen wir Gottes Tun. 


3. Wende unser Geschick, o Herr Gott!
    Lass in der Wüste versiegte Bäche
    neu mit lebendigem Wasser sich füllen.
    Führe Gefangene gnädig zurück.


4. Was wir hier unter Tränen gesät,
    werden wir einstmals mit Freuden ernten.
    Aufjauchzend bringen wir unsere Garben.
    Ja, wie die Träumenden werden wir sein.



Johannes Petzold (*24.10.1912 in Plauen/Vogtland U 19.5.1985 in Eisenach) war in Ostdeutschland Kantor, Kirchenmusikdozent, Komponist und Lieddichter. Als Zehnjähriger wird er Halbwaise, als sein Vater in Folge des 1. Weltkrieges stirbt. Im 2. Weltkrieg wird er selbst 1940 eingezogen und erkrankt kurz darauf an Tuberkulose. Die Krankheit zwingt ihn, seine Unterrichttätigkeit zu beenden. Seine Tätigkeit bleibt wegen der Ansteckungsgefahr auf die Orgelbank beschränkt. Erst nach 1952 kann seine Krankheit durch einen Eingriff eingedämmt werden. Er bekommt eine Festanstellung als Kantor in Bad Berka nahe Weimar. 


Nicht nur die Weltkriege, sondern auch die Nachkriegszeit in der DDR wirkten stark auf sein Leben ein. So stand er in Briefkontakt zu Jochen Klepper. Im Mai 1941 schrieb er die Vertonung zu Kleppers Gedicht: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern“ (RG N° 372) und sandte es Klepper an die Front. Schließlich erkrankte Petzold an Krebs. Vom Tode gezeichnet, schrieb er das Lied zu Ps 103,15„Der Mensch ist in seinem Leben wie Gras“. Einen Monat vor seinem Tod floss aus Petzolds Feder die Vertonung des 126. Psalms: „Wie die Träumenden werden wir sein.“ 


Der Rhythmus ist kein wilder Walzer, aber ein traumverlorener Tanz. Mit ausgebreiteten Armen könnte man sich dazu sachte drehen. Raumgreifend ist die Melodieführung. Mit Auf- und Abwärtsbewegungen werden neun Tonschritte durchmessen, eine None. Der Komponist nutzt die Fünftonreihe (Pentatonik). So baut er Spannung auf und wieder ab. Mit Terzen, Quarten und dem Sehnsuchtsintervall der Sexte beginnt der Traum beim Grundton f’ und endet auf diesem Grundton. Beruhigung tritt in den letzten zwei Takten ein, nur von einer Wechselnote umspielt. 


Raumgreifend also ist der „Aufstiegsgesang“, wie Martin Buber es nannte. Zeitgreifend ist der Text. Im Hebräischen fällt die Vergangenheitsform mit der Zukunft zusammen. Es ist dieselbe Form, ob ich mich daran erinnere, wie ich einst aus dem Exil befreit worden und nach Jerusalem zurückgekehrt bin, als dies im Jahre 538 v. Chr. das Edikt des Perserkönigs Cyrus (vgl. 2. Chr. 36,23) möglich machte oder ob ich in die Zukunft blicke, um dort die erlösende Befreiung am Horizont zu sehen.  


In der Neuen Zürcher Bibelübersetzung wird der Blick auf die Vergangenheit bevorzugt: „Als der Herr wandte Zions Geschick, waren wir wie Träumende.“ (Ps 126,1). Petzold wählt stattdessen die zukunftsweisende Perspektive: „Wie die Träumenden werden wir sein: Herrlich erneuert der Herr sein Zion.“ Im Deutschen müssen wir uns für die eine oder andere Sichtweise entscheiden. Im Hebräischen aber steckt die eine in der anderen drin. Wenn ich mich an Gottes Heilshandeln in der Geschichte erinnere, dann ist darin die Hoffnung enthalten, die sich auf das zukünftige Heil richtet. Wie bei einem Trampolin gewinnen wir unsere nötige Spannkraft aus demselben Absprungpunkt, sowohl für die Vergangenheit als auch für die Zukunft. Wo Träume nicht mehr möglich sind, versiegt Lebenslust, Sinn, Mut, Gestaltungswille und Phantasie. Was leben will, verdorrt. Haben wir keine Träume mehr, wird unsere Zukunft kaum fruchtbar sein.  


Steht in Vers 1 und 2 das göttliche Heilshandeln in der Geschichte im Vordergrund, wird uns in Strophe 2 und 3 das sichtbare Gleichnis in der Natur vor Augen geführt. Wasser steht gegen Wüste, Ernte wider Tränensaat. Jubel, Lachen und Träume bündeln sich dann zu unseren Erntegarben der Lebensermöglichungen, wenn Gott heilsam in unserer Geschichte wirkt und wir daraus heilsame Träume für die Zukunft weben. 


Pfrn. Astrid Wuttge Glang, Thusis  

 


MONATSLIED MAI


RG 102 „Halleluja! Singt dem Herrn“


Halleluja, das heisst: Lobt den Herrn!


Nicht von ungefähr ist der letzte der 150 Psalmen in der gleichnamigen biblischen Sammlung von Gebeten/Liedern ein Lobpsalm.


„Ja, Gott loben, das ist unser Amt!“ hat einmal ein Mensch früherer Tage gerufen. Der Lobpreis Gottes hat seit je her seinen festen Platz in den Feiern des Glaubens – und bis heute in unseren Gottesdiensten. Und Singen als menschliche Ausdrucksform der Lebensfreude, der Dankbarkeit, der Hoffnung - des Gotteslobes, ist  wohl genauso alt wie dieser selbst.


Trefflich hat der Schweizer Kirchenmusiker Markus Jenny den Schrifttext zu einer Melodie aus dem alten Genfer Psalter des 16.Jahrhunderts neu formuliert und gesetzt:



  1. Halleluja! Singt dem Herrn
    Kommt her von nah und fern.
    Lobt ihn, der hier bei uns wohnt;
    Lobt ihn, der im Himmel thront.
    Lobt ihn laut ob seinen Taten.
    Lobt ihn durch der Stimmen Klang;
    Lobt ihn euer leben lang.
    Seht, sein Werk ist wohl geraten.

 

  1. Ehret ihn mit Saitenspiel;
    Klingen soll der Zimbeln viel.
    Lobt ihn mit Posaunenschall;
    Lobt ihn mit der Pauken Hall.
    Lobt ihn all im Reigentanz;
    Lobt ihn in des Festes Glanz.
    Halleluja, Gott die Ehre!

 

Unser Lied ist ein eigentlicher Aufruf, eine Einladung zum fröhlichen Gottesdienst im Leben und zum Leben als Gottesdienst, zum hoffnungsfrohen Feiern von Gottes Nähe und gleichzeitig grenzenloser Weite…


Alles darf und soll dabei zum Klingen, in Schwingung und Schwung kommen: Unsere Stimmen, Saiten, Zimbeln, Posaunen, Pauken  und unsere Körper zum Tanz! Ein glanzvolles Fest geschieht, wenn wir Gott die Ehre geben!


Wow, was für eine Stimmung und Begeisterung sind  aus diesen Liedworten spürbar!


Kein kleiner Anspruch an unsere gemässigte Mentalität, auch an unsere Gottesdienste, aber war und ist nicht Pfingsten das Fest der „Begeisterung“?


 

Pfr. Thomas Ruf, Almens

 

MONATSLIED APRIL


RG 42 „Lobet und preiset, ihr Völker, den  Herrn"



Lobet und preiset ihr Völker den Herrn,
freuet euch seiner und dienet ihm gern!
All ihr Völker lobet den Herrn!


(Herkunft unbekannt)



Wie mag dieses Lied entstanden sein? Ich kann mir vorstellen, dass es so gewesen sein könnte:

Der Profet hatte es schwer mit seinem Auftrag, sein Volk zur Einsicht zu rufen. Seine Warnungen stiessen auf taube Ohren, er wurde verhöhnt und beschimpft. Als er wieder einmal mit seinen Kräften am Ende war, beriet er sich mit seinen Freunden. Doch die hatten nur Sprüche geklopft. Das half ihm gar nicht, zeigt ihm nur, dass sie genau so ratlos waren wie er oder, was noch schlimmer war, die Probleme nicht ernst nahmen. Er schlug seinen Weg zu einer Profetin ein, seine einzige Freundin, die ihm jetzt noch einfiel.

Als er eintrat ahnte die Frau gleich, was los war. Sie setzte ihm einen Krug Wein vor und setzte sich mit ihm an den Tisch.  „Niemand will meine Warnungen hören!“, seufzte er. „Leider ist es wahr“, sagte die Frau, „die Menschen sind so. Und weißt du warum? Weil sie Angst haben. Sie wissen, dass du recht hast. Aber sie verdrängen ihre Angst, wie Angst lähmt. Sag, was machst du, wenn du Angst hast?“ „Als Kind habe ich immer gesungen“, antwortet der Profet. „Aber jetzt singst du nicht mehr, du machst dir seber keinen Mut und damit den Menschen auch nicht. Singe wieder, singe tröstende Lieder, singe Mut-mach-Lieder!“


Die Profetin stand auf, nahm den Tamburin von der Wand, begann einen Rhythmus zu schlagen, summte eine Melodie, sang leise: „ Lobet und preiset…“.

 

Pfrn. Gisella Belleri, Feldis




MONATSLIED MÄRZ


RG 51 „Das ist ein köstlich Ding“




Refrain:

Das ist ein köstlich Ding,
dem Herren danken
und lobsingen deinem Namen,
das ist ein köstlich Ding,
dem Herren danken
und lobsingen deinem Namen, du Höchster.

 

1. Des Morgens deine Gnade
und des Nachts deine Wahrheit verkündigen
auf den zehn Saiten und Psalter,
mit Spielen auf der Harfe.

 

2. Du lässt uns fröhlich singen
von den Werken, die, Herr, deine Hand gemacht.
Wie tief sind diene Gedanken,
Du, Höchster, bleibest ewig.

 

 

Das Lied ist eine Neuvertonung des 92. Psalms. Daraus sind die Verse 2-6 und 9 ausgewählt. Rolf Schweizer (geb. 1936 in Emmendingen/Baden) hat 1966 das Stück komponiert. Die populäre Musik der 60er Jahre hat in Rhythmik und Harmonie ihren Niederschlag darin gefunden. Schweizer verwendet Synkopen. Dabei wird die Betonung von einem „schweren“ Taktschlag auf einen eigentlich unbetonten, „leichten“ Taktschlag verlagert wie z. B. im 2. Takt auf dem Wort „Ding“. So bekommt das Lied seinen außergewöhnlichen Schwung. Schweizer legt Wert darauf, dem Rhythmus, der schon der Sprache innewohnt, zu folgen. Außerdem verwendet er in seinen Liedern Harmonien aus dem Jazz wie Septimen (z. B. bei „danken“) und „blue notes“ (z. B. auf dem Wort „Nacht“). Daran lässt sich erkennen, dass Schweizer sehr durchdacht die Sprache in Musik gesetzt hat. Er engagiert sich für eine Neubelebung des Psalmsingens. Er versteht die Musik als Sprachform des Glaubens, die nicht nur den Intellekt, sondern den ganzen Menschen anspricht. Musik kann in die Tiefenschichten der Seele eindringen. Er ist überzeugt, dass Musik auch die sozialethische Verantwortung transportieren kann. Dieses Anliegen finden wir in den Liedern „Christus wird geboren in den Schmerz der Zeit“ und „Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt“ wieder (Ref. Gesangbuch N° 428 und N°  867). Sehr bekannt ist die Vertonung des Franziskanischen Friedensgebets „O Herr, mach' mich zum Werkzeug deines Friedens“. Als Lied steht es nicht in unserem Gesangbuch, wohl aber als Text unter N° 800. 


Rolf Schweizer will musikalisch-kommunikative Prozesse in der Gemeinde in Gang bringen. Damit wendet er sich gegen den passiven Konsum von Musik. Denn Musik kann das Evangelium Jesu Christi sinnlich erfahrbar werden lassen. Deshalb ist hier das Stück mit Refrain dazu geeignet, im Wechselgesang z. B. mit einem Chor, solch einen musikalischen Dialog herzustellen. Ein Kanon stellt ebenso einen musikalischen Dialog her. Er führt die Gemeinde von der Einstimmigkeit in die Vielstimmigkeit. Trotz der Vielstimmigkeit erleben die SängerInnen, wie die Harmonien wachsen und ein neues Ganzes bilden. Gemeinschaft wird durch den Kanon musikalisch erlebbar. Von Rolf Schweizer sind im Reformierten Gesangbuch allein vier Kanons zu finden: „Nun jauchzt dem Herren, alle Welt!“ (N° 58), „Nun lob, mein Seel’, den Herren“ (N° 60) „Kyrie eleison“ (N° 198) und „Siehe, das ist Gottes Lamm“ (N° 315). Er hat für den Deutschen Evangelischen Kirchentag etliche Beiträge geleistet und sich um das Liedgut von Kinderliedern verdient gemacht. Sein Werk umfasst Posaunen- und Kinderchormusik sowie einige größere Chor-, Orchester- und Orgelwerke. Mit seinem „Requiem für Tote und Lebende nach liturgischen, biblischen und zeitgenössischen Texten für Soli, 2 Chöre, großes Orchester, Szene, Pantomime und Lichtgestaltung“ (1995) hat er ein szenisches Oratorium geschaffen, das, wie der Titel schon verrät, vielerlei Grenzen überschreitet. Das Lied ist nicht ganz einfach zu singen. Aber seit ich es vor langer Zeit einmal in einem Chor gelernt habe, ist es tatsächlich in die Tiefenschichten meiner Seele hinabgestiegen und ein schwungvoller Ohrwurm geworden. 


Pfrn. Astrid Wuttge Glang, Thusis





MONATSLIED FEBRUAR


RG 37 „Erhör, o Gott, mein Flehen“



Angefangen hat es im Advent mit dem Magnificat, einem neutestamentlichen Psalm.Darauf folgte im Januar ein Hymnus in Gestalt von Psalm 47. Und nun sind wir bei einem dritten Psalm angelangt, der zur anbrechenden Passionszeit passt. Bei einem Psalm mit Sela.

 

 

Dreierlei kennzeichnet die Psalmen: Von der Form her sind sie ein Gedicht, von der Art her ein Lied und vom Inhalt her ein Gebet. Was sie hingegen unterscheidet, ist das Thema. Am häufigsten kommen Lob und Klage vor. Entsprechend fusst der Hymnus auf einer überwältigenden Glückserfahrung. Die Klagepsalmen hingegen sind Ausdruck eines Aufschreis angesichts eines schmerzvollen Erlebnisses. So auch das aktuelle Monatslied, welches Psalm 61 nachempfunden ist. Es nimmt die Situation der Klage auf:

 

 

„Erhör, o Gott, mein Flehen,

hab auf mein Beten Acht.

Du sahst von fern mich stehen,

ich rief aus dunkler Nacht.

Auf eines Felsens Höhe

erheb mich gnädiglich.

Auf dich ich hoffend sehe:

Du lenkst und leitest mich.

 

 

 

Du bist gleich einem Turme,

den nie der Feind bezwang.

Ich weiche keinem Sturme,

bei dir ist mir nicht bang.

In deinem Zelt bewahren

willst du mich immerdar.

Mich hütet vor Gefahren

dein schirmend Flügelpaar.

 

 

 

Mein Bitten hast erhöret,

mein Gott, in Gnaden du.

Wer deinen Namen ehret,

dem fällt dein Erbe zu.

So schenke langes Leben

dem, der sich dir geweiht;

wollst Jahr und Jahr ihm geben,

ihn segnen allezeit.

 

 

 

Vor Gottes Angesichte

steh er in Ewigkeit.

Es wird ja nie zunichte

des Herrn Barmherzigkeit.

So will dein Lied ich singen,

wie ich es dir versprach,

mein Lobesopfer bringen

von neuem Tag um Tag.“

 

 

 

Es ist ein Psalm mit Sela. Das Monatslied hat im ersten Teil den Charakter eines Klageliedes. Dann kommt im zweiten Teil die Wende. Im Psalmtext selber steht Sela. Ein Wort, von dem niemand so genau weiss, was es heisst. Aber es scheint die Funktion eines Pausenzeichens zu haben. An dieser Stelle muss inne gehalten werden.

 

Und es signalisiert eine Wende, einen Stimmungsumschwung. Aus Klage wird Dank. Es ist etwas passiert. Der Verfolgte findet Zuflucht im Turm des Herrn. Die Angefochtene Zuversicht unter Gottes Flügeln. Das Leid wurde gewendet. Das Gebet ist erhört worden.

 

Doch nicht immer werden Gebete so erhört, wie wir es uns wünschen. Das hat Edith Stein, die Dichterin, selbst erfahren. „Langes Leben“, wie es in der dritten Strofe heisst, war ihr nicht vergönnt. Sie starb in Auschwitz. Wohl aber, was in der vierten Strofe festgehalten ist und was kein Unmensch verhindern kann: Das Stehen vor Gottes Angesicht in Ewigkeit. Auch auf diesem Hintergrund ist der Text von Edith Stein bemerkenswert und für uns bedenkenswert. Ein Psalm mit Sela. Ein Lied für die Passionszeit.


Pfr. Josias Burger, Sils i.D.

 





MONATSLIED JANUAR

 

RG 33 „Singt mit froher Stimm, Völker jauchzet ihm“



Der Text wurde zunächst vom Berner Johannes Stapfer (1719-1801) verfasst, später dann von Hans Bernoulli (*1918 in Riehen/BS) bearbeitet.


Das Lied orientiert sich an Psalm 47, wo Gott als ewiger König und Siegesheld gepriesen wird, „denn er ist der Herr, reich an Macht und Ehr.“ Das Psalmlied wurde oft mit Auffahrt verbunden, da in der 2. Strophe vom Emporsteigen und der Erhöhung des Königs die Rede ist. Insgesamt dominieren Hoheits- und Majestätsformeln, die Gott in seiner Grösse preisen. Damit dieser Lobpreis auf Gott nicht eine leere und abstrakte Worthülse wird, ist zu bedenken, was diese Grösse Gottes für uns bedeutet. Gott setzt sich für die Gerechtigkeit und das Wohl der ganzen Welt ein, seine Herrschaft kommt uns zugute. Nach Weihnachten und Neujahr können wir einstimmen in das Lob von Gottes Herrschaft, welche nicht unerreichbar in der Höhe bleibt, sondern die ganze Welt durchdringt und uns direkt berühren kann.


Diese Gedanken nimmt die 3. Strophe des Psalmliedes weiter auf: Während im Psalm 47 die gewaltsame Unterdrückung der Völker thematisiert wird, haben die Verfasser diese Vorstellung umgedeutet. Es geht nicht um die Unterwerfung und Tyrannei von Menschengruppen. Im Gegenteil, die Völker schliessen sich zu einer friedlichen Gemeinschaft zusammen.


„Völker ohne Zahl lädst du ein zum Mahl.
Die sie knechten hier, beugen sich vor dir,
geben Schild und Wehr, ihre Rüstung her.
Die von Ost und West nehmen teil am Fest.
Deinem Friedensreich kommt kein andres gleich.
Ewig bleibt dein Heil unser Erb und Teil.“


Die ganze Gemeinschaft der Völker kommt in Frieden zum Fest zusammen – Krieg und Abwehr sind Vergangenheit. Was hier als eine Zukunftsvision prophezeit wird, ist im Abendmahl bereits realisiert, wo die Menschen in friedlicher Gemeinschaft untereinander und mit Gott feiern. Grund genug zum Singen, Jauchzen und Jubeln!

 

Vikarin Anja Felix-Candrian, Tamins

 

 

 

 

MONATSLIED DEZEMBER


RG 1 „Hoch hebt den Herrn mein Herz und meine Seele“



Hoch hebt den Herrn mein Herz und meine Seele,
den grossen Gott, dem ich mein Heil befehle.
Dass er mein Heiland ist, frohlockt mein Geist,
der seinen Gott, den Herrn und Retter preist.


  Er hat auf meine Niedrigkeit gesehen,
und grosse Dinge sind an mir geschehen.
Barmherzig ist er jeglichem Geschlecht,
das Ehrfurcht kennt und wahrt sein heilig Recht.


 Gewaltige stösst er von ihren Thronen;
wer niedrig stand, darf hoch in Ehren wohnen.
Die Reichen lässt er leer im Überfluss,
macht Arme reich, macht satt, wer darben muss.
  

Er denkt wohl der Barmherzigkeit und Güte,
dass er die Seinen väterlich behüte.
Wie er verhiess: Sein Volk, sein Eigentum
bleibt ewiglich zu seines Namens Ruhm.


Gedanken:

Das Magnificat der Maria eröffnet das Reformierte Gesangbuch der Deutschschweiz und somit steht es auch am Anfang der Rubrik der Psalmlieder. Wieso findet sich ein neutestamentlicher Text am Anfang der altestamentlichen Liedsammlung der Psalmen? Dies lässt manch einen stutzig werden. Begründungen für diese Auswahl liegen vielfältig nahe:


-    Seine Wurzeln hat das Magnificat (Lk 1) eindeutig in der hebräischen Bibel. Seine unmittelbare Vorlage ist das Lied der Hanna (1. Sam. 2).


-     Die Psalmen sind Lieder, in denen ein Mensch „Ich“ sagt und Gott lobt, um dann von den Taten zu sprechen, die Gott für alle getan hat.


 -    Bekenntnisse, die von Gottes Begleiten mit Aufbruch und Auszug sprechen.


 -    Verheissungen in Gottes Bund mit Abraham.


 

Maria steht mit ihrem Lied in einer langen Tradition der namenlosgebliebenen Frauen, die Gott durch ein Lied für seine Taten preisen und deren Namen nur manchmal überliefert wurden: Lea (Gen 30,13); Mirijam, (Ex 15, 21.22); Hanna, deren Lied für unzählige Traditionen zum Danklied nach der Geburt eines Kindes wurde. Mit alten Worten sagt Maria dennoch Neues: „von nun an...“ – „...bis in Ewigkeit.“


Diese vielfältigen inhaltlichen Bezüge aufnehmend, hat der Thurgauer Germanist Fritz Enderlin für das Magnificat auf die Melodie des 8. Psalms des Genfer Psalters zurückgegriffen (siehe RG 7). Der 8. Psalm spricht ebenso von der Niedrigkeit des Menschen.


Somit eröffnet nun der erste neutestamentliche Cantica, ein Psalm der nicht zum hebräischen Psalter gehört, das Gesangbuch. Damit sind auch inhaltliche Aussagen getroffen: es wird die jüdische Beheimatung des christlichen Glaubens unterstrichen und zugleich neues gesagt. Ohne Tod und Auferstehung Jesu wäre Marias Lied ein auf Vergangenheit bezogenes Lied. Dieses Lied jedoch eröffnet Zukunft: Es geht um die Auferstehung all jener, die von Gottes Wort oder von seinem Handeln berührt werden.


Das Magnificat ist ein vorösterliches Auferstehungslied, das Menschen „Ich“ sagen lässt und von Liebe und Respekt geprägt ist. Dieses Lied singt von der Befreiung, wie das Lied der Mirijam, und es ist ein herrschaftskritisches Lied, das einen Bogen schlägt zum letzten Lied (RG 866) im Reformierten Gesangbuch, das von dem kommenden Himmel singt und von dem Herrn, der kommt, wenn die Herren dieser Welt gegangen sind.


Von diesem österlichen Lied her schliesst sich uns die ganze Bedeutung von Weihnachten und die unseres christlichen Glaubens auf.


Pfarrer Jörg M. Wuttge, Cazis





MONATSLIED NOVEMBER

 

RG 859 „Alles ist eitel, du aber bleibst“


Ein alter Mann denkt nach
 
Alles ist eitel, du aber bleibst
und wen du ins Buch des Lebens schreibst.
Du aber bleibst, du aber bleibst.
Du aber bleibst, du aber bleibst
und wen du ins Buch des Lebens schreibst.
 
Text Gerhard Fritzsche (*1911 † 1944) 
 


Der Kanon ist im Jahr 1942 entstanden und nimmt inhaltlich den Anfang des Buches Prediger auf. Ein Weiser schaut zurück auf sein Leben:“ Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel. Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt immer bestehen.“

Er schaut zurück auf sein Leben und sieht: Ich habe viel erreicht, habe Häuser gebaut und Gärten angelegt, Reichtum erlangt und rauschende Feste gefeiert. Doch es kam der Tag, da schien mir das Alles so flüchtig und vergänglich -  wie ein Haschen nach Wind. Über diese Gedanken wurde ich traurig und verzweifelt erkannte ich, alles Mühen brachte mir nichts als Schmerzen, Kummer und Unruhe.

Doch dann sah ich auch: Alles, das Gute wie das Leide, kommt aus Gottes Hand. Gott hat den Menschen ihre Aufgaben gegeben. Sie sind bestimmt dazu, sie zu erfüllen, auch wenn sie sich damit abmühen müssen. Doch im Anfang hat Gott alles schön gemacht und er hat dem Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt. Nur sind die Menschen unfähig die Ewigkeit zu ergründen, weil sie Gottes Werk nicht überblicken können. Sie sehen weder den Anfang noch das Ende. Da wusste ich: Das Menschliche ist vergänglich, doch was Gott tut, das besteht für ewig.

Was kann der Mensch also anderes tun, als täglich sein Brot fröhlich zu essen und seinen Wein in Dankbarkeit zu trinken? Ist nicht alles andere vergebliche Mühe – wie ein Haschen nach Wind?

Das kleine Lied über die Vergänglichkeit und die Ewigkeit wird im November als Monatslied in unsern refomierten Kirchen gesungen.


Pfarrerin Gisella Belleri, Feldis

Aktualisierung der Seite: 28.04.2011 - 13:27 / © Evang. Kirchgemeinde Sils
Copyright © 2010 by Kirchgemeinde Sils i.D. · josias.burger@gr-ref.ch